Kammermusik in schwieriger Zeit

Seit seiner Gründung vor zehn Jahren bewegt sich das deutsch-schweizerische Casal-Quartett gerne abseits der ausgetretenen Repertoire-Pfade. So auch auf seiner jüngsten Aufnahme, die jetzt beim Label Telos Music erschienen ist: Die CD mit dem Titel „Bekenntnisse" enthält vier Werke von Komponisten, die auf jeweils unterschiedliche Weise unter der Nazi-Diktatur leiden mussten.

Zweien dieser Quartette ist die Auseinandersetzung mit dem Zeitgeschehen ganz unverkennbar eingeschrieben; Viktor Ullmanns drittes Streichquartett, in Theresienstadt entstanden, kündet auf bewegende Weise vom emotionalen Zustand eines Menschen, der, den Tod unmittelbar vor Augen, zwischen tiefster Verzweiflung und bitterem Zynismus eingezwängt ist. Dagegen findet Heinrich Kaminski in seiner 1917 vollendeten Komposition zu einem spättonalen 'Ionfall von hymnischer, lief religiöser Kraft, die sich noch aus dem unerschütterlichen Glauben an das Gute speist. Ein kammermusikalisches Meisterwerk von größter Eindringlichkeit und sicherlich die Entdeckung dieser CD - man höre etwa das wunderbare Adagio espressivo.

Der Quartettsatz von Adolf Busch (1924) und das erste Streichquartett von Erwin Schulhoff (1927) geben sich eher virtuos-musikantisch bzw. jazzig-spritzig und tragen keine so offenkundigen Botschaften in sich.

Mit einer breiten Palette ganz unterschiedlicher Klangreden porträtiert das Casal-Quartett diese faszinierende stilistische Randbreite und macht sich so zum ebenso engagierten wie kompetenten Anwalt für die zu Unrecht vergessenen Werke. Ein ebenso eindrucks- wie verdienstvolles Bekenntnis zur Kammermusik aus einer schwierigen Zeit.

Bewertung
Musik
Klang

Marcus Stähler, Fono Forum 11/05

MUSIKALISCHE BEKENNTNISSE


Unter dem Titel Confession-Bekenntnis veröffentlicht die kleine Firma telos Streichquartette von Erwin Schulhoff, Viktor Ullmann, Adolf Busch und Heinrich Kamin­ski. Die Gemeinsamkeit dieser vier Komponisten besteht darin, dass sie politisch Position bezogen und sich jeder auf seine Art und Weise gegen das Nazi-Regime wendeten. Schulhoffund Ullmann starben in Internierungslagern, Kaminski kurz nach dem Krieg an Erschöp­fung und Nahrungsmangel. Adolf Busch überlebte zwar, sein öffent­liches Engagement gegen den Nazi-Terror aber zerstörte seine Karrie­re als Kammermusiker, so dass er in den Nachkriegsjahren künstle­risch keinen Fuß mehr fassen konn­te. Ihre humanistischen Bekennt­nisse sind auf dieser wunderbaren CD zusammengefasst und zeigen auf exemplarische Weise, welchen künstlerischen Stellenwert diese als 'entartete Musik' bezeichneten Werke damals hatten und heute immer noch haben. Sei es das er­greifende und einzig erhaltene 3. Streichquartett von Ullmann, sei es das frühe, alle klassischen Grenzen sprengende 1. Streichquartett von dem Querdenker Erwin Schulhoff. Aber auch Buschs sehr traditionel­ler Quartettsatz von 1924 zeigt eine ungemeine Tiefe und scheint die nahende Katastrophe bereits vorauszuahnen. Kaminskis Quar­tett von 1917 hat keine direkte politische Aussage, obwohl man si­cherlich einen Bezug zum ersten Weltkrieg herstellen könnte. Was vor allem auffällt, ist das ungeheu­re Talent dieses heute vergessenen Komponisten, der unbedingt wieder entdeckt werden muss.

Das casalQuartett hat sich ernst­haft mit den Werken auseinander­gesetzt, so dass es in seiner Inter­pretation direkt zum Kern vorstößt. Die vier Musiker lassen sich nicht wie andere Interpreten zuviel von persönlicher Betroffenheit leiten und kommen nie in Gefahr, die Musik überzuinterpretieren. Indem sie ob­jektiv bleiben und einfach der Sub­stanz vertrauen, gewinnt jedes der vier Werke an Eigendynamik und erzählt uns so eigentlich sehr viel über seinen Komponisten. Eine ab­solut integre CD mit einem hohen Repertoirewert und vier wunderba­ren Interpretationen. Ohne Zweifel eine der wertvollsten Veröffentli­chungen der letzten Jahre.

pizzicato 11/2005
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