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Gustav
Mahler intim – eine Ersteinspielung
Ungewöhnlich
auf jeden Fall. Authentisch auch. Gustav Mahlers
persönlichstes Werk – so schreibt er in einem
Brief – ‘Das Lied von der Erde’ für Tenor,
Bariton und Klavier. Im Gegensatz zur inzwischen
öfter zu hörenden Bearbeitung des Werkes für
Solisten und Kammerensemble durch Arnold
Schönberg hört man zumindest als Einspielung
diese Fassung hier zum ersten Mal. Von daher,
aber nicht nur wegen der Premiere, eine wichtige
und empfehlenswerte Neuerscheinung, nicht nur
für die verschworene Mahler-Gemeinde.
‘Das Lied von der Erde’ – zunächst als
‘Trinklied vom Jammer dieser Erde’ konzipiert,
das Eingangsstück gleichen Titels hätte dann das
ganze Werk benannt, ist eine groß angelegte
Komposition für zwei Singstimmen und Orchester.
Die Texte entstammen der Lyriksammlung ‘Die
Chinesische Flöte’, in deutscher Nachdichtung
Hans Bethges. Am Ende nannte Mahler sein Werk
‘Sinfonie für Tenor, Alt oder Bariton und
Orchester’. Die Fassung für Tenor und Alt hat
sich scheinbar durchgesetzt, und gerade für die
Sängerin halten die Stücke viele Möglichkeiten
bereit, den weich strömenden Fluss der Stimme
mit lyrischer Gestaltungskraft zu verbinden. Dem
Tenor werden sowohl lyrische, als auch
dramatische bis heldische Qualitäten abverlangt,
ist ihm das Charakterfach nicht ganz fremd,
erfüllt er auf ideale Weise die Voraussetzungen
für die Interpretation seines enormen Parts.
Mahler verarbeitete in diesem berührenden und
aufwühlenden Werk persönliche tragische
Erfahrungen. Nicht zu unrecht kann der mit fast
30 Minuten Länge sehr weit dimensionierte letzte
Satz ‘Abschied’ auch als Sehnsucht nach dem
eigenen Tod oder als komponierte Vorahnung
desselben gedeutet werden.
So groß dieses Werk geraten ist, so vielfarbig
die Sprache des Orchesters, so kammermusikalisch
ist es aber auch in seiner Transparenz. Von sehr
intensiver Wirkung kann daher die in letzter
Zeit öfter zu hörende Fassung für Kammerensemble
sein. Die hier erstmals eingespielte Fassung für
Tenor, Bariton und Klavier stammt vom
Komponisten selbst, aufgeführt hat er sie selber
nie, so ist auch kein Urteil von ihm darüber
bekannt.
Bislang gab es kaum Möglichkeiten diese Version
zu hören. In der Gustav Mahler Song Edition des
Labels ‘telos music vocal’ liegt nun als zweite
Produktion eine komplette Aufnahme vor. Der
amerikanische Tenor Robert Dean Smith, er gab im
letzten Sommer sein Debüt als Tristan bei den
Bayreuther Festspielen, hat den Tenorpart
übernommen. Die Baritonpartie singt der
Argentinier Iván Paley, den aufwändigen
Klavierpart spielt Stephan Matthias Lademann.
Unter dem Titel ‘Mein Herz ist müde’ hat Iván
Paley einen einfühlsamen und informativen Text
für die insgesamt sehr angemessen und
geschmackvoll ausgestattete Ausgabe geschrieben.
Der Versuchung, eine Orchesterfassung zu
imitieren, sind die Interpreten nicht erlegen,
auch wenn zunächst der gesangliche Duktus des
Tenors im Wiederspruch zum auf Intimität und
Feinheit bedachten Klavierspiel zu stehen
scheint. Der erste Eindruck bleibt nicht. Er mag
der Ungewöhnlichkeit des Hörerlebnisses
geschuldet sein. Von den wüst liegenden Gärten
der Seele weiß Robert Dean Smith berührend zu
singen, die nicht gerade angstfreie Stimmung vor
der zitierten Dunkelheit des Lebens und des
Todes kann er verbreiten. Für die Klänge der
Tiefe existenzieller Angst- und
Abschiedserfahrungen hat sein Tenor die nötigen
Farben und Schattierungen. Tatsächlich verbindet
er heldische Attacken mit sehr lyrischen
Passagen und spart, wenn es sein muss, nicht an
charakterlicher Schärfe.
Iván Paley gestaltet die Müdigkeit des Herzens
mit hauchzarten Pianotönen und besingt berührend
die Tränen der Einsamkeit. Aber er hat auch die
stärkeren Töne des Aufbegehrens. Dabei verfällt
er nicht in reine Schöngesangsmanier, hat auch
den Mut zu schroffen Tönen, insgesamt aber
bleibt er dem Gestus sehr persönlich gehaltenen
romantischen Liedgesanges verpflichtet.
Im Lied ‘Der Trinker im Frühling’ gelingen dem
Tenor die Stimmungswechsel überzeugend. Für den
abschließenden Satz ‘Der Abschied’ verfügt der
Bariton über Farben und Schattierungen um den
Bogen von den einleitenden Naturschilderungen
über die Schilderung individueller Einsamkeits-
und Abschiedserfahrungen bis hin zum
entsagenden, verhauchenden Übergang aus dem
Abendlicht verschwindender Natur in ewig
lichtblaue Fernen ohne Wiederkehr.
Das Spiel des Pianisten Stephan Matthias
Lademann ist von unaufdringlicher Intensität
geprägt, wodurch besonders der intime Charakter
dieser Fassung gewahrt bleibt. Mit geradezu
zärtlicher Tongebung wiegt er im letzten Satz
die Welt in den Schlaf, überhaupt ist hier seine
feinsinnige Abstufung zu bewundern, durch die er
die Dynamik der musikalischen Melancholie des
weiten Spannungsbogens über gut 30 Minuten zu
halten vermag. Harte Klänge, schneidende Töne,
scheut er nicht, Sentimentalität, Schwulst oder
Gefühligkeit hingegen sind ihm fremd. Neben
etlichen Aufnahmen von Mahlers ‘Das Lied von der
Erde’ die mich seit Jahren begleiten und mir ans
Herz geklungen sind, möchte ich diese Aufnahme
ebenfalls nicht mehr missen
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Repertoirewert |
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Booklet |
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Kritik von
Boris Michael Gruhl
28.02.2006, www.klassik.com |