Toblach/Dobbiaco, 17. Juli 2004
Das Toblacher Gustav-Mahler-Komitee gibt bekannt:
Internationaler Schallplattenpreis/ Premio discografico
„Toblacher Komponierhäuschen 2004“/ „Casetta di composizione di Dobbiaco 2004“


Sonderpreis/ Premio speciale:

Gustav Mahler: Sämtliche Lieder aus “Des Knaben Wunderhorn”
in der Fassung für Singstimme und Klavier
Diana Damrau, Sopran; Iván Paley, Bariton;
Stephan Matthias Lademann, Klavier

Aufnahme/incisione: Mai & September 2003, Mechernich, Deutschland
telos music vocal TLS 1001 (2 CD) Vertrieb: Klassik Center Kassel

Diese erste integrale Einspielung sämtlicher 24 “Wunderhorn”-Lieder Mahlers in der ursprünglichen Fassung mit Klavierbegleitung erhält den diesjährigen Sonderpreis der Toblacher Jury in erster Linie wegen ihres experimentellen Ansatzes und ihres hohen Repertoirewerts, und nicht unbedingt aus rein künstlerischer Zustimmung. Der junge argentinische Bariton Iván Paley und die junge deutsche Sopranistin Diana Damrau wagen es hier, den Facettenreichtum dieser nicht nur volkstümlichen, sondern auch äußerst vielschichtigen Musik lebendig auszuleuchten. Sie werden dabei impulsgebend unterstützt von dem hervorragenden Liedbegleiter Stephan Matthias Lademann, dessen prononciertes Spiel die Modernität dieser Lieder erst recht herausarbeitet. Innerhalb der ohnehin eher schmalen Diskographie der “Wunderhorn”-Lieder, vor allem in der ursprünglichen Klavierversion, überzeugt diese Neuproduktion durch ihren überaus frischen, unmanierierten, aber reflektierten Zugang, der freilich auch Widerspruch hervorrufen mag. Zwar räumt auch Iván Paley in seinem Booklet-Text ein, daß Mahler weder an Rollenlieder noch gar an Duette gedacht hat, doch hat das ihn und seine Partnerin nicht davon abgehalten, die immanente Dialogstruktur der Gesänge herauszustellen, und das trotz des naheliegenden Einwands, daß Mahlers Dialoge sich auf imaginärer, kaum auf realer Ebene bewegen. Einem solchen mutigen Unternehmen gilt deshalb die Zustimmung der Jury jenseits aller Bedenken, denn die Anstösse dieser Neuproduktion sind letztlich entscheidender als die Fragwürdigkeiten, denen sie auch nicht ausweicht.
Im Volksliedton

Es ist ein Husarenstück, und zwar das ganze Unternehmen, nicht nur das eine Lied, in dem der Husar seinem Mädchen den Korb gibt, den er postwendend zurückerhält. Die zwei, Husar und Mädchen, wissen sich über das Unglück ihrer Trennung hinwegzutrösten; sie wissen ihren Schnitt zu machen, aber nicht ins eigene Fleisch. Trostlos dagegen enden die Leben des Kuckucks, der sich zu Tode gefallen, des Kindes, das verhungert, weil seine Mutter das Notwendige zu tun Tag um Tag aufschiebt, und – berufsbedingt – die Leben des unwilligen Freiwilligen, im Felde getroffen und von den Kameraden zurückgelassen, des Deserteurs unterm Galgen und die der Mädchen, über das Warten alt geworden und gestorben, wenn sie nicht gleich ins Kloster gegangen.

In den Liedern, die Achim von Arnim und Clemens Brentano zwischen 1806 und 1808 unter dem Titel „Des Knaben Wunderhorn“ veröffentlichten, stehen sie alle friedlich beieinander: Visionäre und Narren, Heilige und Wundertäter, Dummbeutel und Klugscheißer, Naive und ganz Durchtriebene beiderlei Geschlechts voller Gott-, Heiligen- und Wunderglauben. Ihrer Poesie, „die sich von jeder anderen &Mac226;Literaturpoesie‘ wesentlich unterscheidet und beinahe mehr Natur und Leben – also die Quellen aller Poesie – als Kunst genannt werden könnte“, hat sich Gustav Mahler – nach eigenen Worten – „mit Haut und Haar verschrieben“.

Mahlers 24 Vertonungen wiederum haben sich die deutsche Sopranistin Diana Damrau, der argentinische Tenor Iván Paley und der deutsche Pianist Stephan Matthias Lademann mit Haut und Haar verschrieben, und zwar nicht den orchestrierten, sondern den ursprünglichen Klavierfassungen dieser Lieder (telos music vocal TLS 1001). Mahlers Diktum und Vorbild folgend, der Brentanos und Arnims Sammlung altdeutscher Volkspoesie gleich „Felsblöcken, aus denen jeder das Seine formen dürfe“, angegangen war, ordnen Sänger und Pianist die Lieder nicht nach der Chronologie ihrer Entstehung, sondern gruppieren sie thematisch neu, wenn auch unter läppischen Überschriften: „Kinder und Jugend“, „Abschied und Trennung“, „Aus der Natur“ und „Leben und Tod“. Sie nehmen Mahlers latente Dialogstruktur für eine offene mit entsprechender, bisweilen überraschender, vokaler Rollenverteilung: Gefangener und Mädchen, Mädchen und Bub, Husar und Mädchen.

Dabei gelingt es den dreien – das ihr Husarenstück zum ersten –, die Wunderhorn-Lieder als Versuchsfeld für Mahlers Symphonien auszuforschen, ohne aber in jene gleich hineinzugeheimnissen, was diese musikalisch erst entfalten. Völlig uneingeschüchtert von den großen Interpretenpaaren vor ihnen, trifft das Paar Damrau, Paley den Volksliedton der Lieder traumwandlerisch sicher, wie er vielleicht nur einmal, ziemlich früh im Sängerleben, getroffen werden kann – das ihr Husarenstück zum zweiten. Selbst einige wenige Manierismen scheinen ganz dem bübischen Spaß an der Sache zugehörig, zumal beide immer auch wissen, wann der Spaß aufhört und der Ernst beginnt. Der ist immer der heilige Ernst des Kindes, auf Du und Du mit Gott und der Schöpfung, das sich fest die Augen zuhält, damit es vom Unglück, das vorübergeht, nicht gesehen wird. Öffnet es die Augen, dann haben sie das himmlische Leben in ganzer Fülle geschaut, von dem wir vermeintlich Erwachsenen uns nur berichten lassen können. Wozu sonst aber sind Künstler da?

Wenn die angekündigte Einspielung der Klavierfassung von Mahlers „Lied von der Erde“ ebenso neue Erfahrungen ermöglichte wie diese exemplarische der Wunderhorn-Lieder, die den Sonderpreis des Internationalen Schallplattenpreises „Toblacher Komponierhäuschen 2004“ erhielt – dann wäre das ein Husarenstück zum dritten!

Jens Knorr, Junge Freiheit, Berlin, Ausgabe 45/04
Gustav Mahler; Des Knaben Wunderhorn

Während eines Liederabends lässt ein Sänger die Hosen herunter. Das ist bildlich gesprochen, doch ein jeder Sänger wird bestätigen können, dass das Gefühl ein sehr ähnliches ist: Jeder Zuhörer kann der Stimme, ihren Schönheiten oder ihren Unzulänglichkeiten, hörend sehr nahe kommen. Es schütze also sowohl die Sänger als auch die Hörer vor einem Zuviel an Intimität, eine größere Liedersammlung zu zweit zu schultern. Demgemäß ist es sinvoll, dass die Sopranistin Diana Damrau und der Bariton Iván Paley die insgesamt 24 Gesänge Gustav Mahlers nach Texten aus Des Knaben Wunderhorn untereinander aufteilen, zumal die Texte eine Vielzahl von Situationen des romantischen Lebens abbilden. Der silbrige Sopran Frau Damraus und der helle, leichte Bariton Paleys passen gut zusammen. Zwei jugendliche, lyrische Stimmen nehmen sich mit einer Fülle von liebevollen Pianissimi der zarten Gebilde an. Man höre etwa Damraus charmant hingetupftes Ich ging mit Lust oder Paleys ungewohnt intimes Urlicht. Unterstützt von einer direkten Aufnahmetechnik nutzen die beiden solche Bedingungen aus, wie sie nur ein kleiner Saal zur Verfügung stellt. Die hyperfeine Anschlagskultur Stephan Matthias Lademanns rückt der Stimme nie zu nahe, so dass die Lieder nicht etwa die Perspektive der orchestralen Fassungen einnehmen. Der textliche Nuancenreichtum zusammen mit der interessanten Idee, einige Lieder als Duette anzulegen, macht diese Totale zu einem selten vielschichtigen Mahler-Dokument.

Michael B. Weiß
Applaus 3/2005
Diana Damrau und Ivan Paley singen Wunderhorn-Lieder

Gesellschaftskritik mittels Ironie: Mahler griff in seinem „Wunderhorn"-Zyklus nach den Sternen der Liedkunst. Und da seine Musik noch radikaler ist als der Text, gerät auch jede Interpretation zum Griff nach dem Sänger-Lorbeer. Diana Damrau verdient ihn sich durch einen ausdrucksstar-ken, schattierungsreichen Sopran mitstrahlenden Höhen. Ihr Partner Iván Paley besticht mit Feuer, Esprit und angerautem Timbre. Mit dem brillanten Klavierbeglei-ter Stephan Matthias Lademann im Gepäck, der dezent noch kleinste Nuancen kultiviert, geht's mühelos durch alle Höhen und Tiefen der Lust- und Leidensfähigkeit. Eine gelungene Weltpremiere der Originalfassung für zwei Stimmen.

Bonner General-Anzeiger
22.01.2005
Neue Stimmen

Für die Premiere seiner neuen Reihe "vocal" wartet das unter Kennern für die sorgfältigen Kammermusik-Aufnahmen bekannte Label telos music records gleich mit einer Weltersteinspielung auf. Mahlers Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn" gibt es nun komplett in der Fassung für Klavier und zwei Stimmen, was dem Dialogcharakter vieler Gesänge, in denen häufig zwei Charaktere wechselseitig kommunizieren, sehr entgegenkommt. Die Begleitung mit Klavier ermöglicht zudem eine kammermusikalisch-intime Sicht auf Mahlers Musik, der die Klavierfassung stets als eine individuelle und von der Orchesterversion unabhängige Variante betrachtete. Zwei junge Sänger stellen sich vor, von denen die deutsche Sopranistin DIANA DAMRAU bereits international renommiert ist, der argentinische Bariton IVÁN PALEY jedoch seinen CD-Einstand gibt. Beide haben sich mit dieser Liedsammlung spürbar auseinandergesetzt, was nicht nur das akustische Ergebnis beweist, sondern auch die kluge konzeptionelle Vorarbeit. Die 24 Lieder werden hier zu vier thematischen Gruppen geordnet, was ihrem Verständnis und dem inhaltlichen Zusammenhang sehr entgegenkommt. Die erste ("Kinder und Jugend") beginnt mit einem Duett ("Verlorne Müh'"), in welchem Diana Damrau die jugendliche Süße und den koketten Charme ihres Soprans hören läßt, während die Reaktion des Baritons gebührend barsch ausfällt. Iván Paleys Stimme ist von schöner sonorer Textur, zeigt in "Um schlimme Kinder artig zu machen" eine überaus pointierte Tongebung und in "Selbstgefühl" Sinn für ironische Hintergründigkeit. Verblüffend sind das idiomatische Stilgefühl und die perfekte Diktion des jungen Sängers. Fabelhaft ist die Gabe Diana Damraus, ihren Sopran entsprechend dem Charakter der Stücke zu färben, ihn klagend, verlockend oder innig und keusch ("Das himmlische Leben") erklingen zu lassen. Auch die zweite Gruppe ("Abschied und Trennung") wird von einem Duett eingeleitet - "Lied des Verfolgten im Turm", das der Bariton mit trotzig-grimmigem Ton beginnt ("Die Gedanken sind frei") und dieses heftige Aufbegehren bis zum Schluß des Liedes durchhält. Der Sopran bringt dagegen eine sanfte Komponente ein ("Im Sommer ist gut lustig sein") und bezaubert mit duftigen Nuancen. In "Nicht wiedersehen!" und "Zu Strassburg auf der Schanz" läßt die Stimme Paleys eine nasale Timbrierung und eine etwas flache Tiefe hören, aber auch die hohe Sensibilität des Sängers spüren, der eine tieftraurige Stimmung heraufzubeschwören vermag. Für Mahlers Weltschmerz-Gesänge scheint das Organ des Argentiniers geradezu ideal, sein Ton rührt den Hörer im Innersten an. In den beiden Duetten "Trost im Unglück" und "Aus! Aus!" bestechen die beiden Interpreten durch prägnante Akzente in der Betonung sowie kontrastreiche dynamische Abstufungen. In STEPHAN MATTHIAS LADEMANN haben sie einen einfühlsamen, sensiblen Begleiter, der atmosphärische Stimmungen zu schaffen weiß.

Ein Höhepunkt der Aufnahme ist das erste Lied der dritten Gruppe ("Aus der Natur"), in welchem Diana Damrau mit Tönen wie perlende Tropfen und subtilsten Nuancen aufwartet, kongenial unterstützt von der feinsinnigen Begleitung des Pianisten. Die ironische Doppelbödigkeit solcher Lieder wie "Des Antonius von Padua Fischpredigt", "Rheinlegendchen" und "Lob des hohen Verstandes" stellt der Bariton nie vordergründig aus, weiß aber durchaus das Groteske dieser Stücke offenzulegen. In schöner Schlichtheit singt die Sopranistin "Ich ging mit Lust", wie überhaupt die Natürlichkeit ihres Vortrags bezaubert - zu hören auch in "Wer hat das Liedlein erdacht?" Einen schauerlich-gespenstischen Ton voller Angst, Klage und Verzweiflung schlägt der Bariton in "Revelge", dem ersten Titel der letzten Gruppe ("Leben und Tod"), an. Auch die tiefe, hoffnungslose Traurigkeit im Duett "Wo die schönen Trompeten blasen" wird von den beiden Sängern mit starker, den Hörer berührender Expression vermittelt. Zunächst düster und von wildem Grimm, aber auch von tiefster Wehmut erfüllt, klingt die Stimme des Baritons im "Tamboursg'sell"; sehr plastisch differenziert die Sopranistin die Stimmen von Mutter und Kind in "Das irdische Leben" - erstere das immer dringlicher, verzweifelter um Nahrung flehende Kind anfangs beruhigend und dann immer atemloser die Katastrophe ahnend. "Es sungen drei Engel" beginnt Diana Damrau ganz naiv, doch nimmt der Stimmklang bald eine gläubige Zuversicht auf die "himmlische Freud'" an. In "Urlicht" dringt Ivan Paley in jenseitige Dimensionen vor. Wie aus mystischem Urgrund taucht die Stimme auf, erhebt sich in schwebender Zartheit und weiser Abgeklärtheit, die alles Irdische abstreift .

Bernhard Kreisig
Orpheus 9+10/2004

Echte Novitäten sind im Liedsektor eher selten auf CD zu vermelden. Das Label „telos" bringt nun eine echte Katalogbereicherung auf den Markt: Gustav Mahlers »Lieder aus des Knaben Wunderhorn« in der Originalfassung für zwei Singstimmen mit Klavierbegleitung. Und gegenüber den altbekannten Orchesterversionen haben die klavierbegleiteten Arnim- und Brentano-Vertonungen gleich mehrfachen Reiz. Neben Mahlers ausgesprochen farbigem und pointiertem Klaviersatz profitieren auch die Sängerstimmen davon, wenn der Zuhörer nicht zu sehr von einer Orchesterbegleitung „abgelenkt" wird, die mit ihrer komplexen symphonischen Textur schon allein fast alle Aufmerksamkeit des Publikums binden kann. Das Spielen mit Anordnung und Arrangement der Lieder ist ganz gewiss in Mahlers Sinn und verleiht den Liedern ein ganz anderes Gesicht als die übliche, meistens mit Orchesterbegleitung zu hörende Auswahl.

Für diese Tonträgerpremiere hat man zudem eine junge, hochinteressante Sängerbesetzung um den hervorragenden Pianisten Stephan Matthias Lademann gefunden, der mit zupackendem Anschlag Mahlers musikalischen Mikrokosmos aus der Klaviatur mit einem enormen Fassettenreichtum entwickelt. Lademann ist zugleich unaufdringlicher musikalischer Spiritus Rector im Hintergrund, der den Stimmen nie das Primat streitig macht, zugleich aber auch ein gleichberechtigter musikalischer Mitspieler ist und weit mehr als nur „Begleiter". Besonders im Zusammenspiel mit Diana Damrau gelingt es ihm, musikalische Stimmungsbilder von höchster Intensität zu schaffen.

Mit der Sopranistin stellt sich eine Sängerin im Liedbereich vor, die in den letzten Jahren im internationalen Opernbetrieb eine beachtliche Karriere vor allem im Koloraturfach gemacht hat. Neben dem Salzburger Blondchen im letzten Sommer erweckten auch ihre Verdiinterpretationen von Gilda oder Oscar internationales Interesse. Und auch als Liedsängerin weiß sie sich hier durchaus beeindruckend zu behaupten. Besonders hervorzuheben ist die Tatsache, dass sie für die Mahler-Lieder eine ganz andere Tongebung als für die Opernbühne zu finden vermag, was nicht wenigen Opernsängern bekanntermaßen ein unüberwindliches Problem zu bereiten scheint. Damraus Sopran wirkt besonders in der Mittellage wesentlich wärmer und farbenreicher als man das gewöhnlich von einem Koloratursopran erwartet. Man kommt nicht umhin, an Lucia Popps Karriere zu denken, die ebenfalls zunächst im Koloraturfach begann, um sich in späteren Jahren zu einem ausgesprochen vielseitigen lyrischen Sopran zu entwickeln.

Der junge Bariton Iván Paley ergänzt mit seinem lyrischen Bariton mit gutem Kern rein stimmlich den Sopran Damraus hervorragend, aber vom Raffinement der Liedgestaltung kann er ihr (noch) nicht das Wasser reichen. Exemplarisch zeigt sich das etwa an der berühmten „Fischpredigt". Bei Paley zerfällt das Stück in unzählige Fragmente, da er versucht, zu viele verschiede Stimmungen in dem Lied unterzubringen, die er einfach nicht miteinander zu verbinden vermag. Besser gelingen ihm die als Duett präsentierten Lieder. In „Wo die schönen Trompeten blasen" lässt er sich von Diana Damraus ungekünstelter Phrasierung mitreißen; gleiches beobachtet man auch in den übrigen Duetten wie „Lied des Verfolgten im Turm" oder „Der Schildwache Nachtlied".

S. Mauß
Das Opernglas 11/04

DES KNABEN WUNDERHORN
Eine erstaunliche Karriere hat sie in den letzten Jahren gemacht, die im bayerischen Günzburg geborene Diana Damrau. Opernhäuser in München, Wien und London, Ende des Jahres auch die Scala in Mailand, engagierten die Nachwuchssängerin des Jahres 1999. Wie oft präsentieren sich gefeierte Opernstars in Liederabenden, obwohl sie für dieses Genre kaum Eignung besitzen. Man darf Diana Damrau hier ruhig ausnehmen. Ihr liegt die feine, intime Form der Vokalkunst besonders am Herzen. Ein klangvoller Beweis hoch entwickelter interpretatorischer Reife des Liedgesangs enthüllt die erstmals auf CDs eingespielte Fassung für zwei Stimmen und Klavier des Liedzyklus „Des Knaben Wunderhorn".

Diana Damrau fasziniert mit ihrer beweglichen, locker geführten Stimme, die jene Wahrhaftigkeit, jene Aussagekraft offenbart, um das emotional Tiefgründige, das Doppelbödige bei Gustav Mahler auszuloten. Sehr instinktsicher unterstreicht sie die Wirkung der Worte mit differenzierten Färbungen, und es werden Stimmungsumschwünge auf das Schönste hörbar gemacht. Nur schade, dass ihr Partner, der junge, schon recht sicher auftretende Bariton Iván Paley noch nicht über das für den Mahler-Gesang unabdingbare Ausdrucksspektrum sowie Lockerheit und Biegsamkeit der Stimme verfügt. Paley kann seiner Partnerin nicht das Wasser reichen. Portamenti sollte er sparsamer dosieren. Trotz trefflicher Artikulation stellt sich noch nicht jene Balance her, die dem Duogesang (Fischpredigt) erst die wünschenswerte Geschlossenheit und Rundung gibt. Stephan Matthias Lademann ist kein Diener am Klavier, sondern erweist sich als intelligent mitgestaltender Partner.

Egon Bezold
Stereo 9/2004
Ich muss wohl meine Trommel rühren

Eine Neuaufnahme vereint erstmals sämtliche „Wunderhorn-Lieder" Gustav Mahlers.

Nicht „vollendet schöne Gedichte", sondern „Felsblöcke, aus denen jeder das seine formen dürfe", machte Gustav Mahler sich als Liedkomponist zu Eigen: Hochkarätige Poesie in Musik zu set-zen schien im „Barbarei".

Ein idealer Steinbruch waren für ihn die Wunderhorn-Lieder Brentanos und von Arnims, die er seit Kindertagen kannte: Mehr „Natur und Leben" als „Kunst" fand er in dieser Sammlung vor. Seine kompositorische Auseinandersetzung mit den Texten führte nicht zu einem geschlossenen Liederzyklus, sondern zu einem eigenwilligen, originellen textlich-musikalischen Kosmos, in dessen vielschichtigem Bedeutungsspektrum autobiografische Elemente eine bedeutende Rolle spielen; so ist der zu den Fischen predigende heilige Antonius u. a. auch ein permanent um Verständnis für sich und sein Genie werbender Mahler selbst, und im entsprechenden Lied partizipiert Mahlers Musik mit ihren eigenen Mitteln kongenial an der bissigen Satire über das vergebliche Ringen um Gehör in einer stets nur in sich kreisenden (Menschen-) Welt.

„Der ganze Reichtum der Wunderhornwelt wird dem Hörer erst klar, wenn er alle Vertonungen hintereinander hören kann", schrieb Jens Malte Fischer 2003 in seiner Mahler-Biografie. Bislang benötigte man dafür eine Hand voll verschiedener Teil-Einspielungen; nun macht dies eine neue Gesamtaufnahme aller Wunderhorn-Lieder problemlos möglich: Die quirlige, wandlungsfähige Diana Damrau (Sopran) und der ansprechend timbrierte, vor allem im lyrischen Teil der erforderlichen Ausdruckspalette kompetente Iván Paley (Bariton), am Klavier technisch wie interpretatorisch virtuos begleitet von Stephan Matthias Lademann, wurden für ihren enzyklopädischen Ansatz, für das Zurückgreifen auf die Klavierfassungen und für die Idee, einige der Lieder gemäß der Rollenverteilung innerhalb der Texte als Duette darzubieten, bereits ausgezeichnet: Das Künstlertrio erhielt den diesjährigen Sonderpreis des Gustav-Mahler-Komitees, einer Jury aus Musikwissenschaftlern, die alljährlich während der Mahler-Musik-wochen in Toblach (wohin sich Mahler in den Sommern der Jahre 1908 bis 1910 zum Komponieren zurückzog) tagt und Mahler-Einspielungen prämiert.

Michael Wersin
Rondo 5/2004


Weibliche Lyrik, maskuline Kraft
Beste Mahler-CD des Jahres: Diana Damraus Gesamtaufnahme der Wunderhorn-Lieder Zwischen zwei Salzburger Festspiel-Aufführungen, wo sie in Stefan Herheims peinlicher Inszenierung von Mozarts „Entführung aus dem Serail" die Konstanze singt, fand die Sopranistin Diana Damrau (AZ-Stern 2003) Zeit, in München ihre neue CD vorzustellen: Mit dem Bariton Iván Paley und dem Pianisten Stephan Matthias Lademann hat sie die erste digitale Gesamtaufnahme von Mahlers „Wunderhorn"-Liedern in der originalen Klavierfassung eingespielt (Telos Music TLS 1001; 2 CDs).

Über Salzburg möchte sie nicht sprechen. Lieber zuckt sie die Achseln. Sie wurde gebeten, für eine Kollegin einzuspringen, weil sie auch im Vorjahr schon dabei war. Beim Mozart-Marathon im Jubiläumsjahr 2006 wird sie - in der „Entführung" jedenfalls - nicht auf der Bühne stehen.

Obwohl erst seit ein paar Tagen auf dem Markt, hat das Album schon einen Preis gewonnen. Die Jury des Toblacher Mahler-Festivals fand es so herausragend, dass sie es spontan neben einer Einspielung der 6. Symphonie unter Mariss Jansons als beste Mahler-CD des Jahres auszeichnete.

Anteil daran haben aber nicht nur Diana Damrau, sondern auch ihre Partner: Ohne Opern-Allüre liefert Bariton Iván Paley das energisch-„männliche" Kontrastprogramm zu den liedhaft-lyrischen Sopran-Gesängen. Pianist Stephan Matthias Lademann begleitet mit Witz und Einfühlungsvermögen.

Anweisungen des Komponisten, dass die 24 Lieder von zwei Stimmen vorzutragen sind, existieren nicht. Die vielen Dialog-Situationen in den Texten legen es nahe. Deshalb haben auch Damrau und Paley diese Version gewählt. Anstatt die Gesänge in chronologischer Reihenfolge zu präsentieren, werden sie nach Themen geordnet: „Kinder und Jugend", „Abschied und Trennung", „Aus der Natur", „Leben und Tod". Orchesterfassungen gibt es unter anderen mit Lucia Popp/Bernd Weikl, Christa Ludwig/Walter Berry und Elisabeth Schwarzkopf/ Dietrich Fischer-Dieskau.

Schon wegen ihrer unaffektierten Stilsicherheit brauchen die beiden jungen Sänger niemanden zu fürchten. Ganz abgesehen davon, dass ihre Einspielung klanglich up to date und vollständig ist.

Volker Böser
AZ Abendzeitung vom 31.07.2004

Guter Start für ein neues Label! Gustav Mahlers Des Knaben Wunderhorn ist in der originalen Fassung für Klavier nicht eben häufig auf CD vertreten, schon gar nicht komplett. Das Debüt von telos music ist also schon im Hinblick auf diese Ersteinspielung ein Gewinn. Die Zusammenstellung enthält nicht nur die zehn Lieder Des Knaben Wunderhorn, sondern auch die vier bzw. fünf ersten Beschäftigungen mit der Sammlung sowie Revelge und DerTambourg'sell und die beiden Lieder, die spä-ter in Symphonien einflossen: Es sungen drei Engel und Urlicht. Erfolgversprechend auch das Debüt mit jungen Sängern. Diana Damrau ist keine Newcomerin mehr im strengen Sinn, sondern bereits eine vielgesuchte Konstanze und Königin der Nacht. Hier erleben wir sie als gar nicht koloraturdünne Liedsängerin, die mit auffallend runder und starker Mittellage den Liedern Projektionskraft und textliche Prägnanz verleiht, dazu genügend Geschmeidigkeit für die locker juchzenden Zierfiguren („Schei-den und Meiden") besitzt, vor allem aber eine sympathische Di-rektheit des Ausdrucks, die an Lucia Popp erinnert. Iván Paley merkt man an, dass er zuerst auf dem Konzertpodium zu Hause ist, denn eine gewisse Steifheit und Bemühtheit kann er nicht ganz ablegen. Musikantisch, ohne sich in den Vordergrund zu spielen, versieht Stephan Matthias Lademann den Klaviersatz.

Dr. Rolf Fath
crescendo 04/2004

Gustav Mahler: Lieder aus „Des Knaben Wunderhorn“
Diana Damrau (Sopran)-Ivan Paley (Bariton)
Stephan Matthias Lademann (Klavier)


Gustav Mahler komponierte die Gedichte aus „Des Knaben Wunderhorn“ als Klavier-und als Orchester-Lied. Die jetzt im Handel erschienene Doppel-CD beinhaltet die erste Digital-Einspielung von Mahlers originaler Klavierfassung mit zwei Stimmen. Diana Damrau (Sopran) und Ivan Paley (Bariton) widmeten sich diesem Liedzyklus mit Herz und Verstand, gegliedert in „Kinder und Jugend“, „Abschied und Trennung“, „Aus der Natur“ sowie in „Leben und Tod“. Die erstmals komplett auf CDs veröffentlichte kammermusikalische Form ohne Orchester deutet den musikalischen Reichtum der Liedkunst in verschiedenen Farben und Schattierungen nicht minder wirkungsvoll aus. Hat doch Mahler selbst die Klavierfassung als individuelles und eigenständiges Werk betrachtet. Die Melodik der Lieder reicht von volksliedhaft schlichten Phrasen bis zu kunstvollen Gebilden, von lyrischer Verhaltenheit bis zu Verzweiflung und höherem Pathos, das seinerseits ironisierend kommentiert werden kann. Damrau schöpft mit ihrem hellen und ausdrucksvollen Sopran den Charakter der Texte sensibel aus, erfasst genau deren Stimmungsgehalt und ziert bisweilen auch in dunklerer Tönung das Geschehen der Textvorlagen vielschichtig aus. Achim von Arnims und Clemens von Brentanos Gedichtsammlung erfährt durch den Bariton Ivan Paley eine gleichwertige optimale Deutung. Es gelingt dem Sänger beispielsweise im „Revelge“ und im „Tamboursg’sell“ das Grauen hinter der soldatischen Pose und das erbarmungslose Marschieren in den Krieg vorzuführen. Und in den Dialogen mit Damrau spielen sich in subtilen Abstufungen von Innerlichkeit und Weisheit kleine Szenen ab, deren Ausdruckspalette sich die umsichtig betreute Klavierbegleitung Stephan Matthias Lademanns nicht verschlossen zeigt. So reflektiert diese Doppel-CD, übrigens von technisch hervorragender Aufnahmequalität, ein breites Spektrum menschlicher Lebenswirklichkeit. Den jeweils eigenständigen Charakter, den Mahler den verschiedenen Liedern anvertraut hat, verdichtete der Komponist zu einem prägnanten kleinen Meisterwerk. Die beiden Sänger samt Klavierbegleiter ermöglichten eine bestmögliche und nuancenreiche Umsetzung der komplexen Gesänge, zu denen sich ein starker Ausdruckswille gesellte. Darin ist insbesondere die Stilvielfalt ihrer Interpretation belegt, die ideal die literarische Deklamation mit dem Gesang verbindet. Und nirgends unterlagen die beiden Sänger der Versuchung, etwa die melodischen Bögen zu ausholenden Arien umzuformen, so dass die Eigenart dieser Liedkunst durchwegs bewahrt blieb.

Dr.Klaus Linsenmeyer
Die Kitzinger

Gesellschaftskritik mittels Ironie: Mahler griff in seinem „Wunderhorn"- Zyklus nach den Sternen der Liedkunst. Und da seine Musik noch radikaler ist als der Text, gerät auch jede Interpretation zum Griff nach dem Sängerlorbeer.

Diana Damrau verdient ihn sich durch ausdrucksstarken, schattierungsreichen Sopran mit strahlenden Höhen. Ihr Partner besticht mit Feuer, Esprit und angerautem Timbre. Mit einem brillanten Klavierbegleiter im Gepäck, der dezent noch kleinste Nuancen kultiviert, geht's mühelos durch alle Höhen und Tiefen der Lust- und Leidensfähigkeit. Eine gelungene Weltpremiere der Origi-nalfassung für zwei Stimmen.

Christoph Forsthoff
classix Nr. 9 , Juli / August 2004

Ein schöner Beginn

Gustav Mahler ist mit den Jahrzehnten zum Über-Symphoniker geworden. Für zartere Seelen, die sich an die gewaltigen Klangmassen noch nicht heranwagen, gleichwohl aber neugierig auf den Komponisten des fin de siecle sind, gibt es nun Hilfe. Das ehrgeizige Label telos hat eine Liedproduktion vorgelegt, die ein schöner Beginn für eine Beziehung zu Gustav Mahler sein kann.

„Des Knaben Wunderhorn" mit der Sopranistin Diana Damrau und dem jungen argentinischen Bariton Iván Paley, hält die ganze Gebrochenheit dieser spätromantischen Musik vor. Die Texte über Abschied und Trennung, Leben und Tod gab es in dieser Variante noch nicht. Immer nur in Ausschnitten, oft in Orchesterbearbeitungen, blieb die Liedkunst Mahlers mit diesem Werk öfter Mittel zum Zweck für die Interpreten. Mit Damrau und Paley gerät der dramaturgische Sinn des Komponisten in den Mittelpunkt. Das Zwiegespräch in „Aus! Aus!", ist so erotisch filigran wie es den Abschied den Mannes markig stilisiert. Dabei kommt eine Ironie zum Zug, die für Mahler ganz ungewöhnlich ist. Sollten andere da etwas übersehen haben? Zusammen mit dem Pianisten Matthias Lademann ist eine so zupackende Mahlerfeier entstanden, wie man sie lange nicht gehört hat. Anspruchsvoll, nervös, dramatisch aufgeladen - so setzt das Trio seine Akzente. Man spürt den Generationswechsel bei der Pflege des Mahlerschen Erbes in einer Weise, wie sie längst in der Alten Musik üblich ist. Dabei geht es zunächst nicht um historische Rekonstruktion, sondern um den Nachweis der Unmittelbarkeit des Materials. Die Texte verkünden eine vergangene Naturseligkeit, Gefühle, die beim Lesen wenig differenziert erscheinen, aber als Buchstabenlyrik auch nur eine Variante darstellten. Die Übertragung in Gesang, die Rückgewinnung des Sinns durch Klang - darum geht es. Die Bühnenerfahrung der Sänger schließt die Stücke weiter zu Szenen auf. Fehlt eigentlich nur noch eine Tournee, auf der sich das Konzept auch vor Publikum bewähren sollte.

Die Plattenfirma telos setzt mit dieser Aufnahme einen schönen Beginn ihrer Mahler Song Edition. Das Team sollte zusammen bleiben. Selbst im oft engen Klassik-Repertoire tun sich gelegentlich unerwartete Lichtungen auf.

Reiner Schweinfurth
„die Kirche“, Evang. Wochenzeitung
Intelligenz und Innigkeit

Diana Damrau, die deutsche Koloratursopranistin auf Weltkarrierekurs, legt gemeinsam mit dem argentinischen Bariton Iván Paley und dem Pianisten Stephan Matthias Lademann eine exzellente Aufnahme von Mahlers „Wunderhorn"-Liedern vor- die erste komplette Einspielung des Zyklus für zwei Singstimmen mit Klavierbegleitung. Eine kleine Kostbarkeit.


„Alles fand er darin, was seine Seele bewegte, und fand es so dargestellt, wie er es fühlte: Natur, Frömmigkeit, Sehnsucht, Liebe, Abschied, Tod, Geisterwesen, Landsknechtsart, Jugendfrohsinn, Kinderscherz, krauser Humor - all das lebte in ihm wie in den Dichtungen, und so strömten seine Lieder hervor..." Auf diese Weise beschrieb Bruno Walter die Annäherung seines väterliches Freundes Gustav Mahler an Achim von Arnims und Clemens von Brentanos Gedichtsammlung „Alte deutsche Lieder".

Hans Mayer freilich, in einer Untersuchung über Musik und Literatur bei Gustav Mahler, desavouiert die Anthologie als „fragwürdige Wunderhorngedichte im angeblichen Volkston, dem die romantischen Kunstrezepte Clemens von Brentanos nur allzu gut anzumerken sind". Mahlers Kunst sei, so Mayer, in einem so exzessiven Maße dazu bestimmt, der Selbstaussage zu dienen, sie sei „in ihren tiefsten Impulsen so ausschließlich Autobiographie, dass alles andere daneben nur als Vorwand zu dienen vermag".

Iván Paley sieht dies positiv: „Ich glaube, dass Arnim und Brentano eine Identität der deutschen Kultur schaffen wollten. Manche Gedichte stammen ja bloß aus mündlicher Überlieferung und wurden von beiden 'organisiert'. Mahler war ein Mensch, der sich nicht festlegen lassen wollte. Er konnte nicht viel anfangen mit einem perfekten, in sich geschlossenen Gedicht, hat umgedichtet, neue Farben dazu erfunden. Dafür waren die ,Wunderhorn'-Lieder natürlich ideal. Es sind aber auch unglaublich moderne Stücke. Zum Beispiel diese so unglaublich pathetisch scheinenden Kriegslieder, die doch so gebrochen sind; kaum je wird das Makabre des Kriegs so aufgedeckt wie bei etwa ,Revelge'". Die Facetten und Brüche, das Verletzliche, das Grauen hinter der soldatischen Pose vorzuführen, gelingt Paley in „Revelge" oder im „Tamboursg'sell" beinahe ideal. Verblüffend ist die idiomatische Sicherheit des jungen, erst seit einigen Jahren im deutschsprachigen Raum wohnhaften Argentiniers. Er gab bereits mit elf Jahren Konzerte als Pianist; zum Gesang kam er über Umwege: „Eine Kindheit mit sehr viel Übung, sehr viel Musik, aber auch sehr einsam. Im Gesang habe ich eine Art Ausgang gefunden, um Gemeinsamkeit zu finden..."

Diana Damrau, seine Partnerin in Kunst und Leben, lernte er. bei einem Meisterkurs an der Sommerakademie Salzburg bei Hanna Ludwig kennen. „Sie hat mir von Diana erzählt, und Diana von mir, und so haben wir beschlossen, zusammen einen Liederabend zu machen, die ,Myrten' op. 25 von Robert Schumann. Und dabei hat sich auf der Bühne gleich eine sehr starke Atmosphäre entwickelt; die Stimmen waren sehr miteinander verbunden. So hatten wir Lust, mit diesem Duo-Liedrepertoire weiterzumachen." Und Diana Damrau, aus Günzburg gebürtig, in Würzburg ausgebildet und nach einem Engagement in Mannheim seit wenigen Jahren an den großen Opernhäusern der Welt zu Gast, ergänzt: „Iván ist ein unglaublich flexibler Partner auf der Bühne. Gerade im Lied ist es schön, in Dialog zu treten. Man spielt, macht kleine Szenen miteinander. Und man findet immer wieder neue Zugänge, Aspekte, es entwickelt sich plötzlich eine Stimmung, ganz spontan."
In der Oper fühle man sich als Architekt, der ein großes Haus baue; beim Lied ist man eher Uhrmacher, der mit der Lupe an die feine Mechanik herangeht. Dass die beiden jungen Sänger ihre gemeinsame Wiener Wohnung in der Brucknerstraße gefunden haben, gleich hinter der Karlskirche mit wunderbarem Ausblick über den Karlsplatz, passt auch zu dieser Mahler-CD. Hat Mahler doch seine Einkünfte als Komponist auch darauf verwandt, Werke des von ihm verehrten Anton Bruckner drucken zu lassen.

Selten finden Diana Damrau und Iván Paley sich zur gleichen Zeit in der Brucknerstraße ein. Auch kurz nach unserem Gespräch trennten sich die Wege der beiden, zumindest geografisch: Die Damrau flog nach London, um an Covent Gasten. als Zerbinetta und Fiakermilli zu reüssieren; Paley gab Konzerte in den USA. Die gemeinsamen Programme müssen also im Baukastenprinzip erarbeitet werden, zunächst von jedem für sich, ehe sie dann an den Schnittpunkten des Zusammentreffens konzentriert vollendet werden.

Lied ist den beiden Sängern Herzensangelegenheit. In unserer destruktiven Zeit von Krieg, Terrorismus auf der einen und des Mega-Showbusiness auf der anderen Seite sei gerade die kleine, zerbrechliche Liedform gefährdet, erklären sie. Daher sei das Lied nicht bloß eine Sache, die man so nebenbei machen könne, sondern eine, die man machen müsse. „Es ist eine Pflicht, das weiterzugeben. Sonst sollte man den Beruf wechseln."

Auf der neuen CD vermerkt der bei den „Wunderhorn"-Liedern an dunkle Frauenstimmen - Ludwig, Baker, von Otter - Gewöhnte bei Diana Damrau eine ungewohnt helle Farbe: Die Portraits und Situationen sind wie mit dem Silberstift gezeichnet und dennoch, wo angebracht wie etwa im „Irdischen Leben", von anrührender Tragik. Iván Paley setzt seinen Bariton dramaturgisch intelligent ein, erreicht subtilste Abstufungen. Vor allem aber überrascht die Innigkeit und Weisheit, mit der diese noch nicht mal dreißig Jahre alten Sänger den Hörer bewegen. Stephan Matthias Lademann vermag dem Klavier eine Ausdruckspalette vom Zartesten bis zum Schlagwerkhaften (etwa in „Revelge") zu entlocken. Dem Verfasser dieser Zeilen fällt es leicht, dieser CD den roten Teppich auszurollen.

Bewertung
Interpretation
Klangqualität

Gerhard Persché
Fono Forum 7/04
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