Der Fall Rudolf Kerer entbehrt nicht einer gewissen Tragik. Obwohl er 1961 als Sieger aus dem sowjetischen All-Unions-Wettbewerb hervorgegangen war, ließ man den heute 82 Jahre alten Pianisten fast sein ganzes Leben lang nur im Osten auftreten. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs durfte er sich auch im Westen engagieren - zu spät, um von dort aus noch eine Weltkarriere zu starten, aber immer noch früh genug, um eine Professur in Wien anzunehmen und durch Konzertauftritte dem Gerücht vom großen Pianisten aus dem Osten ein reales Gesicht zu geben. Der auf der jüngst veröffentlichten CD des La­bels Telos enthaltene Mitschnitt eines Kerer-Konzerts vom September 1998 entstand allerdings nicht im Westen, sondern in Moskau, genauer: dem Moskauer Konservatorium. Kerer war zu dem Zeitpunkt bereits 75 Jahre alt, was man den Aufnah­men aber nicht unbedingt anmerkt. Hier spielt einer, der seine Klavierta­ten mit der Souveränität und Virtuosität des alten, erfahrenen Klavierlöwen abliefert. In Busonis Transkription der Bach'schen d-Moll-Chaconne ist sowohl sein akkordisches als auch sein polyphones Spiel je­denfalls von einer erstaunlichen Konsistenz. Dabei behält das Werk bei aller orchestralen Wucht seine polyphone Transparenz bei, während Francks Präludium, Choral und Fuge unter Kerers Händen seine ganze Aura mystisch entrückter Religiosität entfalten darf. Weniger glücklich agiert Kerer bei Chopins Préludes, denen es einfach an dem nötigen Feinschliff fehlt. Offenbar fühlt sich Kerer bei den großen Formen besser aufgehoben als bei den Miniaturen. Sobald die frühen Aufnahmen des Pianisten veröffentlicht sind, werden wir mehr wissen.

Robert Nemecek
Piano News 6-05

 

Ohne Posen

Rudolf Kerers Moskauer Konzert-Mitschnitt von 1998 ist das singuläre Dokument eines Künstlers, dessen Lebensweg menschlich wie künstlerisch tief bewegt. Der 1923 in Tiflis geborene Pianist deutscher Abstammung wurde nach Ausbruch des deutsch-sowjetischen Krieges 1941 vom Stalin-Regime in Lastwagen und Viehwaggons nach Kasachstan deportiert. 13 Jahre lebte er ohne Klavier in der Verbannung und konnte erst nach dem Tode Stalins seine Studien am Konservatorium von Taschkent fortsetzen. Erst 1961 erfolgte der Durchbruch, als der damals unbekannte Kerer den zweiten All-Unions-Wettbewerb der sowjetischen Musiker nach dem Kriege gewann. Internationaler Ruhm blieb ihm versagt, da er keine Ausreiseerlaubnis in den Westen erhielt. Neben den heute vergriffenen und von Kennern hoch geschätzten Aufnahmen für das Melodiya-Label unterrichtete er 29 Jahre am Tschaikowsky-Konservatorium, und als er Ende der 1980er Jahre in den Westen reisen durfte, war Kerer acht Jahre bis 1998 Gastprofessor an der Wiener Musikhochschule.

Dieser biographische Hintergrund mag zum Verständnis der vorliegenden Aufnahme beitragen: Kerer ist ein Pianist ohne Posen, einer, der Erfahrungstiefen in der Musik auszuloten versteht. Mit distinguierter Noblesse erklingt Francks „Prelude, Choral et Fugue", Busonis Bearbeitung der Chaconne BWV 1004 hat eine seltene Strenge und Spiritualität, erhält durch Kerer echte Größe ohne theatralisches Pathos, und selten wurde die seelische Nuanciertheit der Chopinschen Preludes op. 28 so differenziert wiedergegeben.

Hoffentlich wird die hier begonnene Kerer-Edition möglichst bald und umfangreich fortgesetzt!

Bewertung
Musik
Klang

Frank Siebert
Fono Forum 11/04


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