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Wegen des Dvorák- und Janácek-Gedenkjahres 2004 hat das Schleswig-Holstein Musik Festival zum zweiten Mal Tschechien" zum Länderschwerpunkt erhoben. Aus diesem Grunde ist auch diese Doppel-CD erschienen, die hochinteressante, in deutscher und tschechischer Sprache rezitierte Briefe des Vaters der tschechischen Moderne an die 38 Jahre jüngere Kamila Stösslová und seine beiden Streichquartette enthält. Überwältigend ist die klangschöne, warme Interpretation des Janácek-Quartetts, einer Institution tschechischer Kammermusikensembles. Material aus dem ebenfalls durch Tolstois Kreutzersonate" angeregten Klaviertrio finden im ersten Quartett von 1923 Verwendung, das Janáceks Spätstil in allen Facetten widerspiegelt.
Helmut Peters Fono Forum 6/04 Bemerkenswert an dieser auf ein Projekt der Stuttgarter Robert Bosch-Stiftung zurückgreifenden Edition ist ihre Aufmachung. Es wird darauf verzichtet, die Briefe des längst als einen der Väter der Moderne anerkannten Leos Janäcek in direkten Kontext zu seinen beiden autobiografisch inspirierten Streichquartetten zu stellen. Vielmehr nehmen die Rezitationen in deutscher und tschechischer Sprache und die Musik getrennte CDs ein. Voller Kontraste ist das Spiel des Janäcek-Quartetts, das die Individualisierung der Stimmen bis aufs Äußerste treibt, ohne dabei die süßen, zutiefst berührenden lyrischen Teile dieser zauberhaften Musik zu vernachlässigen. Helmut Peters, Ensemble 2/04 Gelesen und gespielt: Janaceks Streichquartette und ihre Botschaft Es war eine leidenschaftliche Liebeserfahrung, die den mährischen Komponisten Leos Janacek zu einigen seiner bedeutendsten späten Werke inspirierte. Zu ihnen gehören die 1923 und 1928 entstandenen Streichquartette. Sie werden in einer eindringlichen Neuaufnahme von einem Ensemble vorgelegt, das sich den Namen des Komponisten gab: dem 1947 gegründeten, auch in neuer Besetzung großartigen Janacek Quartett. Was den Reiz dieser Aufnahme noch verstärkt, sind einige der von Martina Gedeck und Hanns Zischler verhalten und gerade deswegen bewegend-eindringlich gelesenen Briefe, die Janacek und Kamilla Stösslova, seine große (platonische) Liebe, geschrieben haben. Sie leuchten hinein in eine Beziehung, die der Komponist als Rätsel des Lebens" bezeichnet hat. In rund 800 Briefen erging er sich, fast wie Strindberg, über seine Ängste, seine Freuden, seine Hoffnungen und Sehnsüchte. Von Kamilla sind 200 Briefe erhalten, die erst seit 1990 bekannt sind: Briefe voller Güte und Leidenschaft, die sich in der Zärtlichkeit geschriebener Küsse und Umarmungen erfüllen. Sie verraten, daß die unerfüllte Liebe die glücklichste sein kann. Der dreiundsechzigjährige Leos Janacek hatte die achtunddreißig Jahre jüngere Kamilla Stösslova und ihren Ehemann Daniel, einen Antiquitätenhändler, im ost-mährischen Bad Luhacovice kennengelernt. Sie sind in Ihrem Wesen und in Ihrer Erscheinung ein derart liebenswerter Mensch", heißt es im ersten Brief des vom coup de foudre getroffenen Komponisten, daß es einem in Ihrer Gegenwart ganz leicht wird in der Seele. Sie strahlen so Wärme aus, Sie sehen die Welt mit so viel Herz an, daß man auch Ihnen nur Herzliches und Angenehmes entgegenbringen möchte. Sie ahnen gar nicht, wie froh ich bin, daß ich Sie kennengelernt habe." Fortan lebte sie in seinem Leben, seinem Denken, seinem Komponieren wie eine idee fixe. Er stürze sich, teilt er ihr mit, in die Arbeit, um den Menschen zu vergessen, der auch in mir ist und nicht so herzlich sein kann, wie er möchte - das ist mein Schicksal". Sie dagegen schreibt, sie lebe mit einem Mann, der nur ans Geld denkt und den sie dennoch inständig liebt. Ihr entgeht nicht, wie leidenschaftlich der Komponist sie liebt und sich verliert, und sendet, an ihren Mann denkend, den Stoßseufzer: Gut, daß Sie so alt sind." Erzählt dann von einem Traum, in dem sie seine Frau war, und ist so tief verwirrt durch ihre Empfindungen, wie er durch ihr Bekenntnis beseligt: Ihre Träume denke ich mir dann zu Ende. Was nicht sein kann, schenkt Gott im Traum." Dennoch wollen und können beide ihre Ehe nicht gefährden und schützen sich gegenseitig. Wie ein Leitmotiv - aber auch als Leidmotiv -kehrt in seinen Briefen ein Gedanke wieder: Hinter jedem Ton stehst Du, lebhaft, nahe, strahlend vor Liebe." Seine Liebe zu Kamilla hat Janacek inspiriert zum Tagebuch eines Verschollenen" ebenso wie zu Katja Kabanova" und den Streichquartetten. Auslöser für das erste Quartett war die Erinnerung an die arme, gequälte, geschlagene, zu Tode geplagte Frau, wie sie der russische Schriftsteller Tolstoi in der ,Kreutzersonate' beschrieben hat" - zu Beginn des dritten Satzes ist ein ferner Anklang der Beethoven-Sonate erkennbar. Das zweite hat einen eher subjektiv-intimen Bekenntnis-Charakter. Ich habe begonnen", schrieb Janacek im Februar 1928, etwas Schönes zu schreiben. Unser Leben wird darin enthalten sein. Es soll ,Liebesbriefe' heißen. Ich glaube, es wird reizend klingen. Wir hatten ja genug Erlebnisse. Die werden wie kleine Feuer in meiner Seele sein und in ihr die schönsten Melodien entfachen. Das Ganze wird hauptsächlich ein besonderes Instrument halten. Es heiße viola d'amour - Liebesviola." Alsbald änderte er den Titel und nannte das Stück Intime Briefe", weil er seine Gefühle nicht Dummköpfen preisgeben" mochte. Im Vergleich zu Aufnahmen des alten Janacek-Quartetts sind die neuen, entstanden im Juli 2003, energischer und härter in der geschärften Expressivität der kaleidoskopisch sich entfaltenden Motive. Die Fortissimo-Ausbrüche im zweiten Satz des ersten Quartetts erklingen mit kaum je gehörter Heftigkeit. Herzbewegend der Beginn des vierten Satzes: das Violinsolo, das wie unter Tränen" erklingen soll. Ebenso eindringlich die Entfaltung des leidenschaftlich dialogischen Beginns des zweiten Quartetts mit der Bratsche als der weiblichen Stimme. Wie der jähe Ausbruch - Largamente - im dritten Satz haben die sulponticello-Explosionen des finalen Allegro eine geradezu verstörende Gewalt. JÜRGEN KESTINGFrankfurter Allgemeine Zeitung FAZ vom 17.04.2004
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