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"Sterndes Monats 12/03 Fono Forum" Pianist Lev Vinocour mit Schumanns gesamtem Etüdenwerk Der Genius dämmerte bereits geistig umnachtet in Bonn-Endenich dahin, da griff einer seiner vehementesten Apologeten zu Feder und Tinte und verfasste ein dreiteiliges Bekenntnisschreiben. Dies erschien unter dem Titel Robert Schumann" 1855 in der Neuen Zeitschrift für Musik, in jenem Blatt. das der Gewürdigte zwei Jahrzehnte zuvor höchstselbst ins Leben gerufen hatte. Noch heute dürfen die Sätze Franz Liszts, der schon in seinen Pariser Jahren für Schumann eingetreten war und diesem späterhin sein pianistisches Hauptwerk, die h-Moll-Sonate, widmete, Gültigkeit beanspruchen: Wie könnte man Schumann gegenüber verkennen, dass er, anstatt zu suchen, zu wagen, zu erobern, zu erfinden, viel mehr dahin strebte, seinen durchaus romantischen, zwischen Freud und Leid schwebenden Sinn, seinen in seinem Inneren oft dumpfe, trübe Tonalitäten annehmenden Hang zum Bizarren und Phantastischem mit der klassischen Form in Einklang zu bringen, während sich gerade diese Form mit ihrer Klarheit und Regelmäßigkeit, seinen eigentümlichen Stimmungen entzog! Letztendlich gibt es kein Werk für Klavier, in der die von Liszt skizzierte Eigentümlichkeit nicht anzutreffen ist. Doch ein Opus ist da, wo dieser von Schumann dialektisch aufgelöste Antagonismus besonders deutlich zu Tage tritt: die Symphonischen Etüden" op. 13. Womöglich auch deswegen haben es Pianisten schwer, eine zwingende Deutung vorzulegen; meist retten sie sich in die orchestral-virtuose Intensität. Dass aber der Grundgedanke des Zyklus' ein völlig anderer, gänzlich unsymphonischer sein könnte, das weiß man, seitdem die Urfassung der Etüden" ans Tageslicht kam. Auf deren Deckblatt verzeichnet des Komponisten Handschrift pennibel ,Fantaisies et Finale sur un Thème de Mr. De Baron de Fricken, composées p.l. Pfte, ed dediées à Madame la Baronne de Fricken. née Comtesse de Zedtwitz, par Robert Schumann, OEuvre IX". Fantasien also, die sogleich die lästige Frage beantworten, ob man die nachgelassenen" Variationen, die nur in Abschriften von Clara Schumann und Brahms existieren, spielen solle, und wenn ja, an welcher Stelle: Die nachgelassenen" Variationen sind nicht nachgelassen, sondern integraler Teil der Erstfassung. Der russische Pianist Lev Vinocour, ein Künstler von enormem Klangsinn und variabler Anschlagskultur, wählt deshalb die blitzgescheite Variante. Er spielt beide Fassungen, deren Unterschied insbesondere durch die Wahl des Tempos im Thema und der ersten Variation evident wird .. in der Erstversion ist es weit langsamer. Aber Vinocour spielt sie beide aus einem Geist: dem Geist der klassisch-romantischen Fantasie. Das Etüdenhafte tritt in seiner klanglich wie strukturell meisterlich ausbalancierten Interpretation zurück; es waltet ein filigran-polyphoner Zauber, der sowohl das Rhapsodische, den Hauch des Unfertigen evoziert, als auch die an Beethoven geschulte Formstrenge. Selbst in den aufwühlenden Momenten bleibt Vinocour gelassener pianistischer Souverän (mit metallischem Leuchten im Forte). Und da er das rechte Pedal kaum und dann nur mit äußerster Vorsicht betritt", ergibt sich eine " Transparenz des Materials, die Schumann weit wegrückt von jenem Klischeebild des subjektivistischen, zwischen Überschwang und Verzweiflung zerrissenen Romantikers. Der Schumann Vinocours ist, das verdeutlichen die weiteren in dieser dreiteiligen CD-Box vereinten Etüden "-Werke, ein jüngerer Bruder Beethovens. Aber ein sehr eigensinniger. Jürgen Otten Süddeutsche Zeitung vom 07.04.2004 Das fängt schon mit den bereits erwähnten "Symphonischen Etüden" an. Vinocour fand die "belgische", mit präzisem Titel versehene Fassung des Werks. Und er fand heraus, dass in dieser früheren Fassung die so genannten nachgelassenen Variationen an dezidierter Stelle eingebunden waren. Folgerichtig spielt er beide Fassungen, und er spielt sie beide mit einem Klangsinn, der betört. Interessant: Die "belgische" Version ist um einiges zurückhaltender, intimer, auch klangschöner. Eine besondere Stärke Vinocours zahlt sich hier aus: sein Klangfarbenreichtum, sein zuweilen streichelzoozarter Anschlag. Zupackend wird er nur dort, wo es dringend geboten ist, so im Finale. Auch die weiteren Entdeckungen dieser CD-Sammlung lassen zumindest aufhorchen. Kurz und gut: eine wunderbare Idee, wunderbar ausgeführt. Tom Persich Rondo, 14.2.2004 Man muss nicht erst im grönländischen Klavierrepertoire forsten, um auf ungehobene Schätze, oder vergessene Meisterwerke zustoßen. Sogar ein vergleichsweise populärer Komponist wie Robert Schumann erweist sich bei näherem Hinsehen als Unbekannter. Ganze drei CDs benötigt der in Deutschland lebende Russe Lev Vinocour für seine Auseinandersetzung mit Schumanns Etüdenwerk - anderen ist eine einzige noch zu viel. Im Zentrum stehen auch hier die bekannten Sinfonischen Etüden op. 13, denen Vinocour die kontrastreichere Frühfassung zur Seite stellt. Daneben finden sich die sträflich vernachlässigten Paganini-Studien op. 3 und 10, das geniale Skizzenbündel der nachgelassenen Beethoven-Etüden und auch die späten Studien für den Pedalflügel, die freilich eher dem Namen als der Sache nach in dieses Kompendium gehören. Es ist eine ungeordnete und entgrenzte Klangwelt, in der sich Vinocour mit eindrucksvoller pianistischer Größe und Suggestivkraft bewegt. Stefan Rütter, Kölner Stadt-Anzeiger 17.01.2004 Gesamteinspielungen der Klavierwerke Robert Schumanns gibt es mehrere. Man glaubt folglich, hier sei nichts Neues mehr zu entdecken. Lev Vinocour belehrt uns nun eines Besseren. Er hat sämtliche Etüden Schumanns aufgenommen und dabei ein wenig Ordnung in das Gewirr der verschiedenen Fassungen gebracht. Keine Probleme in Hinsicht auf verschiedene Versionen bereiten die 1832 komponierten Studien op. 3 und die ein Jahr später vollendeten Konzert-Etüden op. 10 nach Capricen von Niccolö Paganini, in denen Schumann noch vor Liszt versuchte, den virtuosen Satz Paganinis adäquat von der Violine auf das Klavier zu übertragen. Bei den "Symphonischen Etüden" op. 13 hingegen - einem Hauptwerk in Schumanns Klavieroeuvre -sieht das ganz anders aus: Schon die beiden Druckausgaben aus den Jahren 1837 (Etudes symphoniques) und 1852 (Etudes en forme de Variations) weisen Unterschiede in Detailfragen auf. Zudem hat Schumann in der späteren Fassung auf die Etüden drei und neun verzichtet. Die Frage, was man nun genau spielt, wird zusätzlich durch fünf weitere Etüden erschwert, die in frühen Autographen vorhanden sind, aber erst posthum von Johannes Brahms veröffentlicht wurden. So steht jeder Pianist vor der Frage, ob er diese nachgelassenen Variationen ebenfalls aufnehmen und - wenn ja - wie er sie in den vorhandenen Zyklus einfügen möchte. Lev Vinocour ist dieser Frage aus dem Weg gegangen, indem er den Zyklus gleich zwei Mal eingespielt hat, einmal in der Urfassung, die er aus einem Manuskript spielt, das Schumann am 18. Januar 1835 vollendet hatte und das heute in einer belgischen Privatsammlung aufbewahrt wird. Diese Urfassung ist bisher wohl noch nicht aufgenommen worden, vielleicht auch, weil in dieser Ausgabe eine zusätzliche, unvollständige Variation 8 vorhanden ist. Vinocour hat für diese die letzten vier Takte selbst hinzukomponiert, was ihm zweifellos ohne stilistische Mängel gelungen ist. Der 1970 in St. Petersburg geborene, heute in Deutschland lebende Pianist hat zudem die Fassung von 1852 eingespielt, allerdings um die beiden Etüden Nr. 3 und Nr. 9 aus der 1837-Ausgabe erweitert. Der Pianist gestattet so einen wunderbaren Einblick in Schumanns Werkstatt, zeigt, wie der Komponist seinem Ziel - in einem dicht gearbeiteten sinfonischen Satz vom Trauermarsch am Anfang zum Siegeszug am Ende zu gelangen - immer näher kommt. Bernd Edelmann weist in seinem informativen Beiheft-Text darauf hin, dass die frühe "Mariemont-Fassung" stärker das lyrische Träumen des Eusebius betone, die späteren Druckfassungen das ungestüme Vorandrängen des Florestan hervorheben würden. Der direkte Hörvergleich verdeutlicht das: Die sechs ausgeschiedenen Variationen sind überwiegend lieblich-lyrischer Natur, kompositorisch längst nicht so fest ausgearbeitet und vom Charakter her drängend wie die Mehrzahl der neu hinzukomponierten. Aber auch die übernommenen Sätze verändern teilweise ihren Charakter: Das Thema etwa wird in der Frühfassung im Adagio, später im Andante vorgestellt. Die erste Variation, zuerst mit "Grave" überschrieben, soll später "Un poco piü vivo" gespielt werden. Deutliche Unterschiede weist auch das Finale auf, in dem Schumann nach Takt 88 eine lyrische Episode kürzte und die verbliebenen Takte ganz im Hinblick auf das punktierte, akkordisch dichte Thema umschrieb. Zeitgleich zu den "Symphonischen Etü-den" arbeitete Schumann an den "Beethoven-Etüden", die auf dem Allegretto-Thema der 7. Sinfonie basieren. Hier ist die Quellenlage noch unübersichtlicher, da diese in insgesamt drei verschiedenen Fassungen vorliegen. Vinocour hat nun die sieben Etüden der letzten Fassung von 1834/35 als Grundgerüst genommen und die abweichenden Stücke der früheren Fassungen nach eigenem Gusto dazwischen verteilt. Vervollständigt wird diese Etüden-Gesamtaufnahme durch die Studien und Skizzen für Pedalflügel, die Vinocour in eigenen Arrangements für Klavier zu zwei Händen vorlegt. Schumann widmete die Studien 1845 seinem alten Klavierlehrer Johann Georg Kuntsch, dem Organisten an der Zwickauer Marienkirche, und verwies damit auf eine damals noch weit verbreitete Praxis, in der Pedalflügel Organisten häufig als Übungsinstrument dienten. Die Arrangements offenbaren nun, dass es sich durchaus lohnt, diese Stücke auch nach Ableben des Pedalflügels am Leben zu halten. Obwohl sich Lev Vinocour offensichtlich mit wissenschaftlicher Akribie an die Arbeit gemacht hat, klingt sein Klavierspiel zu keinem Zeitpunkt akademisch. Auch erliegt er nie der Gefahr, Werke nur der Vollständigkeit halber, aber ohne innere Anteilnahme zu präsentieren. Vielmehr arbeitet er sensibel den "Ton" der jeweiligen Etüden heraus. Die Paganini-Zyklen gleich zu Beginn lassen aufhorchen: Vinocour ist kein Pianist mit stählernem Zugriff. Er spielt sie nicht wie ein Draufgänger, macht daraus keinen vorweggenommenen Liszt. Sein Klang ist weich und rund, seine Dynamik sehr diffe-renziert, die Technik erscheint mühelos. Dass Vinocour dem introvertierten Eusebius näher steht als dem eruptiven Florestan, zeigen auch seine Deutungen der Symphonischen Etüden. Doch das reicht nicht so weit, dass es das seelische Gleichgewicht der Schumannschen Musik berührt. Seine glänzende Technik, seinen vollen und schönen Ton stellt Vinocour mit voller Anteilnahme auch in den Dienst der Beethoven-Etüden und der Studien für Pedalflügel. Dass die Werke bei ihm nie als Nebenwerke erscheinen, sondern vielleicht erstmals als vollgültige Kompositionen - auch das ist Vinocours Verdienst.
Gregor Willmes, Fono Forum 12/03
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