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Brahma des Klaviers
Noch vor rund 40 Jahren hat Harold C. Schonberg in seinem profunden Buch "Die großen Pianisten" bezweifelt, dass Leopold Godowskys (1870-1938) Kompositionen von einer zukünftigen Pianistengeneration gespielt würden. In diesem Punkt dürfte sich der bedeutende Musikkritiker geirrt haben: Dass im Turnus eines Jahres allein drei Aufnahmen von der gewaltigen Sonate e-Moll erschienen sind, dürfte Gegenbeweis genug sein. Nach den Einspielungen von Marc-Andre Hamelin (Hyperion) und Konstantin Scherbakov (Marco Polo) stellt Michael Schäfer das 1911 veröffentlichte Werk erneut zur Diskussion. Im Vergleich zu den brillanten, pianistische Fingerfertigkeit demonstrierenden Einspielungen seiner berühmteren Vorgänger hat der 1956 geborene deutsche Pianist einen völlig eigenen, genuin musikalischen Zugang zu der Sonate gefunden. Mit fast einer Stunde Spieldauer arbeitet er sorgfältig die Konturen des kolossalen Opus heraus und verleiht ihm eine gravitätische Wucht, die Scherbakov und Hamelin abging. Schäfer macht hier explizit deutlich, dass die Form der Sonate in Godowskys Werk ihren Höhe- und Endpunkt erreicht hat.
Eine weitere kompositorische Facette des polnischen Pianisten zeigt Schäfer mit der nicht minder schwergewichtigen "Java-Suite", die fernöstliches Klangmaterial mit europäischer Finesse impressionistisch vereint. Durch Schäfers gemeißelte Interpretationen wird Godowsky, der von einem Zeitgenossen wegen seiner gedrungenen und fülligen Erscheinung als "Brahma des Klaviers" apostrophiert wurde, wieder die ihm gebührende Aufmerksamkeit als schillernde Musikerpersönlichkeit des frühen 20. Jahrhunderts zuteil.
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Frank Siebert, Fono Forum 3/03
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