Neue Fasslichkeit

Wer sich via Tonträger einen Höreindruck von den Werken des Ulrich Stranz (1946) verschaffen wollte, war bisher auf eine Wergo-Anthologie angewiesen. Nun hat sich das deutschschweizerische Casal-Quartett dem Quartettschaffen des bayerischstämmigen Wahlschweizers gewidmet. Dass Stranz es seit 1976 auf gleich vier Kompositionen für diese Ehrfurcht gebietende Besetzung brachte, ist angesichts seiner eher bedächtigen Arbeitsweise geradezu erstaunlich. Das nach mehreren jugendlichen, noch tonal angelegten Ansätzen erste vollgültige Quartett des Büchtger- und Bialas- Schülers befand sich nicht nur stilistisch auf der Höhe der Zeit, es profitiert auch heute noch von den profunden instrumentalen Kenntnissen des passionierten Geigenspielers, der mit Peter Michael Hamel und dem Produzenten der CD, Joachim Krist, in den späten sechziger Jahren so etwas wie eine "Zweite Münchener Schule" gebildet hatte. Das Zweite Streichquartett, ein Einsätzer von achtzehn Minuten Ausdehnung, folgte 1980/81 und verzichtet wie sein Vorgänger auf die in Avantgarde-Kreisen lange Zeit geradezu zum "guten Ton" gehörenden, harschen, abweisenden und verstörenden Klänge. Diesen versöhnlichen Zug könnte man neben dem in das dritte "Quartettino" von 1993 eingewobenen "Zwiefachen" als deutlichen Verweis auf Stranz oberbayerische Herkunft interpretieren. Dem vierten und bislang letzten Werk der Gattung, einem Dreisätzer, ist das längere Ringen um Form und Aussage des Werkes noch ein wenig anzuhören: Die mehrfach stockenden, ja verzweifelt wirkenden Ecksätze, die nicht recht in Gang zu kommen scheinen, scheinen die Bemühungen Stranzens zu dokumentieren, vom bereits bewährten Pfad abzuweichen. Trotzdem: Diese überwiegend empfindsame Musik, der so gar nichts Bierdimpfelig- Hemdsärmeliges anhaftet, erteilt ganz nebenbei dem Zynismus und der alles beherrschenden Negativität unseres Zeitalters eine deutliche Absage. Die Suche nach einer "Neuen Fasslichkeit", die das sehr ausführliche Booklet nachzuzeichen versucht, wird bei Stranz mehrfach von Erfolg gekrönt. Jedenfalls ist dies der Eindruck, welchen die über vier Jahre hinweg entstandenen, dabei klanglich wunderbar homogen geratenen Deutungen des Casal-Quartetts beim Hörer hinterlassen.

Mátyás Kiss, November 2003 nmz 11/03 Seite 19
Dass der 1946 geborene Komponist Ulrich Stranz von ei-nem Bekannten als "bayerische Frohnatur" beschrieben wurde, mag angesichts der beim ersten Hören als filigran und gespinsthaft empfundenen Klangwelt verwundern. Doch die Musik von Stranz - zumindest die seiner vier Streichquartette - birgt viele Überraschungen in sich, die sich allerdings nicht mit großem Aplomb als solche zu erkennen geben, sondern die sich erst allmählich dem Hörer eröffnen - fast möchte man sagen: höflich vorstellen.

Stranz' Tonsprache wirkt, angesichts der in vieler zeitgenössischer Musik geradezu angebeteten Negativität, geradezu freundlich. Nun hat diese "Freundlichkeit" wenig mit unmittelbarer Eingängigkeit gemein. Sie manifestiert sich in der Bevorzugung heller Klangregionen, lichter Texturen und nicht zuletzt indes Komponisten sehr individuellem Verhältnis zur Tonalität, die stets als "Kraftfeld" durchschimmert, ohne dass sie stets eindeutig definierbar wäre. Die vier Streichquartette stammen aus den Jahren 1976 bis 2000. Das erste ist sicherlich am unzugänglichsten, weil noch am ehesten auf der damaligen Avantgarde geläufige Formulierungen zurückgreifend. Doch schon in diesem Werk zeigt sich Stranz' völlige Unabhängigkeit von Schulen und Dogmen. In den beiden mittleren Quartetten findet sich dann jene geheimnisvolle Welt zwischen Vertrautheit und Abenteuer, die sich als Stranz' ureigenstes Territorium manifestiert und immer unverwechselbarer erscheint, je öfter man sie besucht. Das Casal Quartett ist in dieser Welt voll und ganz zu Hause und als Fremdenführer daher bestens geeignet.

Thomas Schulz, Applaus 5/03
Der 1946 bei Landshut geborene Komponist kann von Glück sagen, dass sich so fantastische Leute wie die vier Streicher des Casal-Quartetts (Schweiz) seiner Streichquar-tette annehmen. Welch spielerischer Ernst, welch begeistertes Streben, dem Notentext auf den Grund zu kommen, ihn in einen tönenden Organismus zu verwandeln und zu vegetativem Leben zu verhelfen!

Ein Suchender, quasi Improvisierender ist Ulrich Stranz noch in seinem 1. Streichquartett von 1976. Es nimmt Anregungen der Neuen polnischen Schule auf (Aleatorik), überlässt aber - ähnlich wie Lutoslawski - nichts dem Zufall. Stranz' überbordende Fantasie läuft der "neuen Einfachheit", der man das Werk seinerzeit zurechnete, vielfach und gar nicht so einfach davon. Das 2. Streichquartett (1980/81) beschreibt eine Stilwende vom "Klangsatz" hin zur Kunst der "Stimmführung". Wiedergewinnung wenn nicht der Tonart, so doch der Tonalität, der harmonischen Über- und Unterordnung, Versöhnung homophoner Momente mit kontrapunktischen Netzwerken prägen diesen 18-minütigen, rhapsodischen "Einsätzer", der den Hörer unausgesetzt fesselt.

Ein geistreiches Divertissement ist das aus einem Geburtstagsständchen entwickelte 3. Streichquartett (1993), das einem bayrischen Volkstanz, dem so genannten Zwiefachen, huldigt. In gewissem Sinne eine Heimkehr zur ausufernden, unverbundenen Vielfalt des "Jugendquartetts" stellt das schroffere 4. Streichquartett (1998-2000) dar, in dessen Kopfsatz Tanzartiges und Ätherisches aufeinanderprallen.

Lutz Lesle, Neue Zeitschrift für Musik 2/03
Kolorist

Als Geiger kennt sich der Wahl-Schweizer Ulrich Stranz (geb. 1946) natürlich bestens mit den klangfarblichen Möglichkeiten der Streichinstrumente aus. Das zeigt sich auch an seinen vier hier eingespielten, nicht zuletzt koloristisch äußerst reizvollen Quartetten, die in einem Zeitraum von knapp 25 Jahren entstanden sind. Stilistisch schreiten die Werke einen weit gespannten Bogen ab, der vom schroffen, quasi improvisatorischen Gestus des ersten (1976) über den pseudo-bayrischen Tonfall des zweiten (1980-81) bis hin zur Bartökverwandten Rhythmik des dritten und vierten Gattungsbeitrags (1993/1998-2000) reicht. In den Mitgliedern des jungen Casal Quartetts finden die eigenwilligen Kompositionen ebenso hoch konzentrierte wie technisch souveräne Interpreten.

Bewertung
Interpretation
Klangqualität

Marcus Stäbler, Fono Forum 2/03
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