Im Widerständigen bestens aufgehoben
Revolution, Entgrenzung, Weiterschreiben: Der Pianist Stefan Litwin reflektiert Musik auf mehreren Ebenen, und Politik ist auch dabei.

Zum obligaten Kulturpessimismus gehört das Lamento, es gebe so wenig wirklich ganz bedeutende Musik: den Vorrat ewiger Meisterwerke, den Klassiker-(Klippschul)Kanon - der oft kaum anderes bewirkt als Brechts „Einschüchterung durch Klassizität", also Lähmung. Spricht man mit Klavierstudierenden, so ist man mitunter verblüfft, wie gering die Repertoirekenntnis ist. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Gerade die Klavierliteratur ist unvorstellbar reichhaltig. Doch wer darauf beharrt, sich für die Vermittlung des weniger Gängigen einsetzt, gilt bald als oppositionell. Wagt es jemand überdies, Beethoven anders zu spielen, als es „Tradition" befiehlt, dann ist der Grals-Frevler fertig. Stefan Litwin, der nicht zufällig gerne mit Michael Gielen zusammenarbeitet, ist solch ein Musiker, für den Moderne, ästhetische Reflexion, sogar unterm politischen Aspekt, und unverbrauchter Umgang mit „Klassikern“ zusammengehören: Die wichtigen Komponisten stehen für ihn nicht in der „Walhalla", isoliert und allem Irdisch- Gegenwärtigen entrückt, sondern in lebendigen Zusammenhängen, durch engagiertes Weitertreiben aktuell erfahrbar.

Nun hat Litwin beim WDR eine CD-Trias produziert, die die (Klavier)Musik des 19. und 20. Jahrhunderts unter gleich drei Aspekten beleuchtet - nicht nur im Sinne analytischer clarté, sondern perspektivischer Weiterungen. Klavierspiel also nicht nur als Realisierung bedeutender Noten-Texte, sondern als denkanstößerische Vermittlung übergreifender Gesichtspunkte, dabei klingend entschieden suggestiv.

Drei Stränge der Musikgeschichte hebt Litwin hervor, und alle haben sie sowohl mit Tradition als auch mit Utopie zu tun. ..Transkription“ ist ein Grundprinzip: Adaption. Bearbeitung, Paraphrase, Variation - stets haben sich die Komponisten der Werke ihrer Vorgänger bemächtigt, sie ..weiterkomponiert", eigene Aspekte hineingebracht. Busoni konnte mitunter kaum anders. Selbst bei den Chopin-Préludes wiederholt, „spreizt" er einzelne Takte. Ähnlich verfuhr er bei der „konzertmäßigen Interpretation" von Schönbergs op.11.2, mit der er wohlmeinend Schönberg „Durchsetzungs"-Hilfe gewähren wollte, der freilich von solch pianistischer Aufplusterung wenig angetan war. Um so klarer wird man danach der, gerade auch klavieristischen Authentizität des „Originals" gewahr. Denn jede Bearbeitung ist im Sinne Walter Benjamins auch „Übersetzung", hebt einzelne Züge ans Licht, läßt andere verschwinden. Die Prozessualität des Komponierten tritt hervor. Liszt bleibt Ahnherr der Transkriptionen, die Schönberg-Schule folgte ihm, be-arbeitete Bach wie Johann Strauß. „Der" Pianist der Gruppe, Eduard Steuermann, setzte Schönbergs erste Kammersinfonie für Klavier: Geradezu dialektisch wird ausgerechnet durch die unvermeidliche Skelettierung romantische Aura freigesetzt.

Der Hegelsche Begriff des „Aufhebens" gilt auch die Bearbeitung, bei der manches bewahrt wird, manches verschwindet. „Sospeso" hieße das italienische Pendant: etwas ist aufgehoben, aber auch unter-, abgebrochen. „II canto sospeso" hieß Nonos epochale „Kantate" von 1956. Als ebenfalls doppeldeutige Variante zittert der Titel in Nonos Klavierstück für Pollini nach: „...sofferte onde serene..." (1976) - durchlittene heitere Wellen. Das Stück, bei dem jede Aufführung mit dem Material von Pollinis Tonband dialogisiert, wirkt als später Reflex aller venezianischen Gondellieder, vor allem aber der kargen „Spitalsmusik" des späten Liszt: „La lugubre gondola I". Die Trauermusiken für Nono von Salvatore Sciarrino und Roman Haubenstock-Ramati sind Hommage an beide Komponisten, bewegend, weil völlig pathosfrei. Noch mehr als bei Nono wird bei Haubenstock-Ramati aus Tonband und Klavier ein imaginäres Instrument.

Prophetisch durchgeistert Liszt auch die dritte CD: „Pièces de résistance". Normalerweise heißen so die „Schlachtrösser" der Virtuosen. Als solches kann man auch Liszts Fantasie „Lyon" (1836), nennen, einem Weber-Aufstand gewidmet. Man spürt den Aufruhr, das Engagement, die große heroische Geste, historisch geworden. Litwin hält sie gleichwohl für unabgegolten, komponiert die „Pièce de résistance" wei-ter, als „Nachspiel: Lyon 1943", dialogisiert so 1999 mit Liszt über Musik und Politik, Revolution und Trauer, auch im Hinblick auf die Juden-Deportationen, gerade von Lyon aus. Tönende Dokumente des Widerstands sind auch die Stücke von Charles Ives, Paul Dessau („Guernica", 1937) Ste-fan Wolpe und Erwin Schulhoff. Kaum bekannt ist auch Debussys Belgien-Memento „Berceuse heroique" von 1914. Jüngstes Werk ist des Japaners Yuji Takahashi „Kwanju, May 1980", gewidmet einem Aufstand gegen die koreanische Militärdiktatur, und wie in statischen (Film)Abschnitten zusammenmontiert. Eine bewegende Klavier-Trias, kompositorisch, pianistisch und konzeptionell aufregend, nicht zuletzt, weil sie auf alles Plakative verzichtet.

GERHARD R. KOCH
Abenteuer mit Lerneffekt
Programme der ungewöhnlichen Art

Nie verstummt sind die Debatten zwischen Musikfreunden und jenen, die als Fachleute in den verschiedensten Disziplinen unterwegs sind. Die einen werten klingende Botschaften als Transportmittel unbehelligten Genusses. Die Fachleute halten ihnen entgegen, dass gerade der erwünschte Genuss und die emotionale Genugtuung durch Information und Wissen keinesfalls gemindert würden. Im Gegenteil: Wer sich mit dem Zustandekommen eines Kunstwerkes auseinandersetzt, mit den biographischen Voraussetzungen eines Künstlerlebens, mit dem sozialen Umfeld kreativer Persönlichkeiten, und am Ende vielleicht sogar noch lernt, einen Klavierauszug mitzulesen, der wird sich in seinen gefühlsmässigen Erregungen weder beeinträchtigt noch abgelenkt, sondern vielmehr bereichert erleben.

Unter den pädagogisch angehauchten Publikationen, die ihre Daten, Fakten und Lernhilfen ausschliesslich auf der audiophonen Ebene vermitteln, sind in letzter Zeit Projekte aufgefallen, in denen sich die Interpreten selber als findig und auskunftsfreudig erweisen.

Noch umfangreicher ist ein fabelhaftes Projekt des in Saarbrücken und Brüssel unterrichtenden Pianisten und Komponisten Stefan Litwin, der sich die Mühe gemacht hat, Klavierwerke von Liszt bis Haubenstock-Ramati und Takahashi unter ganz bestimmten Leitlinien zusammenzustellen. Ihm sind mit diesem - klug kommentierten - Unternehmen nicht nur drei lehrreiche, sondern auch animierende Klavierstunden gelungen, die den Hörer tatsächlich als einen Wissenden entlassen. Bestätigt findet dieser, als wie kühn und zukunftsweisend sich etwa späte Miniaturen von Franz Liszt erweisen. Und er wird einmal mehr begreifen, dass es tragfähige Musik der neuesten Produktion nicht gegeben hat ohne Bande zu den Traditionen - sei es in Achtung derselben, sei es im Bruch zu ihnen. Für diese Nahtstelle zwischen Rückschau und Ausblick steht besonders ein Werk wie Schönbergs Kammersinfonie op. 9, die Litwin in souveräner Darstellung wohl erstmals überhaupt in der technisch wie gedanklich schwierigen Soloversion von Steuermann auf einen Tonträger bringt.

Peter Cossé
Neue Züricher Zeitung

Sein Name hat Klang. Immer wieder kehrt er nach Jahren der Ausbildung (u.a. bei Jürg Wyttenbach in Basel, Promotion in New York) und Podiumsbewährung (im Verein etwa mit namhaften Solisten und den Quartetten LaSalle und Arditti) in die Regio zurück. Zuletzt verblüffte er mit erstaunlichen Wiedergaben zweier Sonaten-Kolosse, derjenigen von Jean Barraqué (IGNM Basel) und der „Concord“-Sonate von Charles Ives („Römerbad“ Badenweiler). Radiohörer kennen den in Saarbrücken lehrenden, in Brüssel lebenden Stefan Litwin jedoch auch als redegewandten Beethoven-, Schumann- und Schönberg-Exegeten, der – stets mit Klangbeispielen zur Hand – mit erhellenden Gedanken sein Sujet einzukreisen weiß.

Interpretation auf zwei Ebenen, durch Spiel und Wort: diese besondere Begabung bringt Litwin auch in seine neuen „Programs“ ein, die sich beim Westdeutschen Rundfunk realisieren ließen. Auf drei CDs finden sich, dreieinhalb Stunden während, 27 Werktitel, geschaffen von 19 Komponisten und Bearbeitern zwischen Liszt und Wagner einerseits, Nono, Sciarrino und dem auch tonsetzerisch tätigen Interpreten andrerseits. Schon pianistisch leistet Litwin Außerordentliches, wenn er sein Riesenkompendium mit sehr distinktem und nuancenreichem, aber auch energischem und selbstbewusstem Zugriff zur Darstellung bringt. Doch schließt sich den Rezitalen eben noch überzeugende Vermittlungs- und Vertiefungssarbeit an in Gestalt von ausführlichen, im Booklet großzügig abgedruckten Werkreflexionen mit Harry Vogt als anregendem Gesprächspartner. Leichter erschließt sich so der komplexe Vorgang des „Transkribierens“, also des Übertragens und Übersetzens originaler Musiknotationen (CD 1). Hans von Bülow etwa fertigte von Wagners Tristan-Vorspiel einen möglichst sorgfältigen Klavierauszug an. Liszt jedoch gewann aus der Schlussszene der Oper ein sehr persönlich gefärbtes konzertantes Klavierstück mit dem (von ihm verliehenen!) Titel „Liebestod“. Busonis „konzertmäßige Interpretation“ des Schönbergschen Klavierstückes op.11, Nr.2 entpuppt sich als das zeitbedingte Missverständnis eines Besserwissers. Bergs Klaviersonate op.1, ein verkapptes Orchesterwerk in Particell-Notation, verschweigt gewissermaßen ihr wesensgemäßes Original. Eduard Steuermanns Klavierversion von Schönbergs prall polyphoner Kammersinfonie: laut Litwin eine schier utopische, da kaum spielbare Transkription, zugleich Musterfall der „kreativen Aneignung eines Werkes durch die Bearbeitung“. Daß Litwin das Utopische der Schönberg-Steuermannschen „Klaviersinfonie“ dann doch einer durchaus realen Klangwirklichkeit anzunähern versteht, gehört zum Fesselndsten dieser spannungsreichen CD.

Luigi Nonos Kantatentitel „Canto sospeso“ gab den poetischen Anstoß zu einer Werkfolge, die sich als ein Tombeau für den 1990 verstorbenen Venezianer versteht (CD 2). Natürlich fluten Wellen und Geläute in vielfacher kompositorischer Brechung durch diese leise Lagunenstadt-Musik, durch die späten Lisztschen Elegien auf Wagner ebenso wie durch Roman Haubenstock-Ramatis „Tenebrae“, Salvatore Sciarrinos „Perduto in una città d’acque“ oder Nonos eigenes Klavier-Tonband-Duo „...sofferte onde serene...“.

Nicht abgeleierte Virtuosenhits hat Litwin im Sinn, wenn er die Devise „Pièces de résistance“ verfolgt (CD 3). Politisch wirksame Musik ist gemeint, die Nachhall sein will auf konkrete historische Explosionen wie Revolution (Chopins „Revolutions-Etüde“), Arbeiteraufstand (Liszts „Lyon“), Sklaverei (Ives), Massaker (Dessau: „Guernica“) und Krieg (Debussy: „Berceuse héroique“). Dass auch die eigenwilligen Stimmen zum Thema Klassenkampf und Weltkrieg der halbvergessenen Emigranten Erich Itor Kahn und Stefan Wolpe nicht fehlen, erhöht entschieden das Reizklima der Auswahl. Litwin war sich bewusst, dass politische Musik rasch veraltet. Daher setzt er auf signifikante Spielgestik und aktualisierende Bezüge. So läßt er attacca auf Liszts Pièce „Lyon“ sein eigenes Stück „Nachspiel: Lyon“ folgen. Die Erinnerung an die einstigen Weberaufstände verbindet sich mit dem aufrüttelnden Gedanken an Widerstand und Judendeportation. Kritische Musik, könnte sie nicht so funktionieren?

KS
Basler Zeitung vom 25.01.2003

Wasserdichte Programme

Der Pianist, Komponist und Publizist Stefan Litwin präsentiert sich in dieser dreiteiligen Klaviermusik-Kompilation als respektabler "Konzeptkünstler".

"Trans...scription" widmet sich dem vielgestaltigen Verhältnis von Original und Bearbeitung und legt ein spannendes Beziehungsgeflecht zwischen deutscher Spätromantik und dem Schönberg-Kreis frei. Wagners "Tristan" bildet hier den geistigen Nährboden für zentrale Werke der Zweiten Wiener Schule - ein schillerndes Zwischenreich von übersteigerter Chromatik und früher Atonalität: Bergs Klaviersonate op. 1 mit ihren motivischen und formalen Auflösungstendenzen; Schönbergs Kammersinfonie in der aberwitzigen Klavierübertragung von Eduard Steuermann, deren getriebene Polyphonie das Medium der Klavierübertragung an den Rand der Absurdität bringt; und Schönbergs Opus 11 Nr. 2, das in Busonis nutzlosem Versuch, eine atmosphärisch dichtere, klaviertechnisch verbesserte Konzertfassung zu machen, nur umso deutlicher die überlegene Ausdrucksökonomie des Originals vergegenwärtigt.

Die über allen Dingen schwebenden Geister in "Piano Sospeso" sind e
rneut Richard Wagner und Luigi Nono - oder, besser gesagt, über den Wassern der Lagunen von Venedig. Abgründige Trauermusik bildet das morbide Zentrum dieser Produktion, düstere Klangwogen und traumverhangenes Glockengetön, wohin man hört. Beeindruckend, wie Liszts späte Klavierstücke ("La lugubre gondola" I und II, "Am Grabe Richard Wagners", "R. W Venezia", "Nuages gris", "Unstern! sinistre") sich fern jeder Virtuosität der inneren Trostlosigkeit hingeben. Salvatore Sciarrino hingegen gedenkt im asketischen "Perduto in una cittä d'ac-que" ("Verloren in einer Stadt des Wassers", 1990/92) mit spärlichen Einzelklängen und extremen Lagen eines letzten Besuches bei Nono. Und auch Roman Haubenstock-Ramatis improvisatorisches "Tenebrae für Tonband und Klavier - in memoriam Luigi Nono" (1990/91) erinnert mit gespenstischen Schraffuren und düsteren Perkussionsklängen der magischen Aura seines Widmungsträgers im Innenraum des Klavieres.

Die "Pieces de Resistance schließlich werden bei aller Unterschiedlichkeit vom "roten" Faden politischen Widerstandes zusammengehalten - von virtuosen Paradepferden des bürgerlichen Konzertsaales wie Chopins "Revolutionsetüde" op. 10 Nr. 2 oder Liszts "Album d'un voyageur: Lyon" (1836), das in pathetischem Ton mit den Weberaufständen sympathisiert, über die antifaschistisch motivierten Kompositionen von Dessau, Wolpe, Kahn und Schulhoff bis hin zu Litwins "Nachspiel: Lyon 1943 (Piece de resistance)", das, fragmentarisch und geräuschhaft, nicht nur die Lisztsche Thematik weiterspinnt, sondern ein zitierfreudiges Netz von Geschichtsbezügen knüpft.

Was die Interpretationen anbelangt, sind deutliche Qualitätsunterschiede allerdings nicht von der Hand zu weisen. Hinzu kommt ein problematisches Klangbild, wo der Flügel in der Tiefe oft schwammig, in den Höhen abgedämpft und substanzlos wie ein E-Piano klingt. So erscheinen die Wagner-Bearbeitungen (Hans von Bülows "Klavierauszug" des Vorspiels, Liszts virtuose Konzertparaphrase "Isoldens Liebestod") wie durchexerziert, und auch die fahrige Interpretation von Bergs Sonate besitzt keine nennenswerte emotionale Substanz. Litwins in dieser Hinsicht unbefriedigender Lapidarstil (der die beiden Virtuosenstücke von Liszt und Chopin geradezu in Karrikaturen verwandelt) macht sich in den "sachlicheren" Stücken aus den 1930/40er Jahren wiederum ausnehmend gut, und auch die Schönberg-Darstellungen wissen in ihrer expressiven Dichte vollauf zu überzeugen. Interpretatorisches Glanzlicht jedoch das "Piano Sospeso", dessen Schattenseiten Litwin mit konsequenter Abgründigkeit nachspürt, egal ob es sich um Liszts pianistische Entsagungen oder die eisige Klanglandschaft von Nonos " ... sofferte onde serene ..."(1974-76) handelt.

Bewertung
Interpretation
Klangqualität

Dirk Wieschollek, Fono Forum 9/02
Die drei CDs stellen eine ausserordentlich spannende Kombination von Traditionellem und Neuem, von Bearbeitung und Original, Pianistischem und Zurücknahme des Virtuosen dar. Gleich bei der ersten CD, "Trans...scription", wird das Spannungsverhältnis unmittelbar sinnfällig. Hans von Bülows Übersetzung des Tristan-Vorspiels wirkt geradezu asketisch, fast wie ein bloßer Klavierauszug. Liszts volltönende, bassrollende Bearbeitung des "Liebestods" dagegen tut fast zuviel des klavieristisch Guten. Er bringt dadurch immerhin etwas mehr von dem rauschhaften, in immer neuen Angriffswellen das limbische System (und vergleichbare Hirnregionen) wie den Hormon- und Emotionshaushalt des Publikums attackierende Exzess Wagners herüber. Eine merkwürdige Verfremdung der Oper, bei der nicht nur die Singstimme (im Schlussgesang), sondern auch Orchestersatz und -farbe essentiell und nicht akzidentell sind, ist es freilich beide Male. Ein satztechnisch analoger, allerdings anders begründeter Kontrast liegt mit Schönbergs op. 11 Nr. 2 im Original und in der ornamentierenden, auf Pianistisch-"Dankbares" zielenden Transkription Busonis vor. Der Unterschied ist im übrigen nicht ganz so krass, wie es von Notenbild und Vorstellung her zu erwarten wäre. Litwins - auch sonst - meines Erachtens manchmal etwas harter, sozusagen steinwaymässiger und toccatenhafter Zugriff planiert da die Differenz etwas. Er nähert denn auch Bergs Klaviersonate in Dynamik, Temponahme und Anschlagstechnik einem virtuosen Stück (hohen Rangs) etwa von Liszt an, auch wenn sich Litwin selbstverständlich auch auf das Zurücknehmen versteht. Die Nähe zur orgiastischen Ästhetik Wagners wird spürbar. Eindrucksvoll zeigt sich die stupende Virtuosität Litwins bei Eduard Steuermanns Bearbeitung von Schönbergs Kammersinfonie Nr. 7: wie Schönberg Wagner satztechnisch mit harmonischer und motivischer Verdichtung übertrumpft, so Steuermann Schönberg mit spieltechnischen Schwierigkeiten. ("Den lieb' ich, der Unmögliches begehrt", heißt es im Faust II.) Dass meines Erachtens beide Werke zu den jeweils besten der beiden gehören, verstärkt die Parallele. Da Schönbergs Kammersinfonie bei aller subtilen Klangsinnlichkeit doch weniger vom Klanglichen abhängt als der Tristan, wird es eine rauschende Kammermusiknacht.

In CD 2, "Piano sospeso", ist der Rausch zurückgenommen. Nach der Lust die Trauer: nach Eros meldet sich Thanatos als komplementäres Prinzip auch der Musik zu Wort. Fast noch mehr als vorher hat Litwin die einzelnen Stücke so ausgewählt, dass die CD durch mehrfache und sich überkreuzende Bezüge geradezu komponiert ist - Venedig, mit Wagners Tod in Venedig und Nonos Leben dort, bildet einen der Zentrierungspunkte. - Nochmals einen Bogen, sogar einen noch weiteren, von Chopin bis Yuiji Takahashi, vom Widerstand gegen die zaristische Diktatur in Polen 1830 bis zum Widerstand gegen die südkoreanische Militärdiktatur 1980 schlägt Litwin mit den Werken der CD 3: allesamt (progressive) politische Musik, von der heute nicht nur Herrschende und Regierende, sondern auch das Gros der Intellektuellen und Musikprofis tunlichst nichts mehr hören und wissen wollen. Bei Liszts Lyon (1835), einer Solidarisierung des Virtuosen mit dem dortigen Weberaufstand, greift Litwins kompositorischer Ehrgeiz noch weiter aus und führt zu einer direkten kommentierenden und bearbeitenden Anknüpfung an Liszts Stück. Musikalisches und Historisches verschränken sich: Lyon war während der nazistischen Besetzung Frankreichs sowohl ein Zentrum der Judendeportationen wie der Resistance. Das Prinzip Transkription erweist seine Produktivität. Eingearbeitet sind Anspielungen auf das Klopfsignal nach Beethovens Fünfter Symphonie, auf das Dies irae und das Deutschlandlied sowie - wie bereits bei Liszt im motivischen Zentrum - auf die Marseillaise. (Deren gedoppelter Quartaufschwung klingt neben der belgischen Nationalhymne, der direkt zitierten Brabanconne, auch in Debussys Berceuse heroique an, mit denen Debussy auf den deutschen Überfall auf Belgien protestierte.) Insgesamt ein beachtliches, eindringliches Stück.

Vorbildlich an der Edition sind schließlich auch die Beihefte, in denen Litwin mit Harry Vogt im Gespräch dialogisch kluge Werk-Kommentare beibringt und kenntnisreiche Überlegungen entwickelt. Einmal mehr kommt zutage, zu welchen Leistungen parastaatliche Instanzen, hier die öffentlich-rechtliche Institution des WDR, imstande sind, wenn sie das Schielen auf "Markt", "Quoten" und ähnlichen Unfug sein lassen. Dass einem CDs, die man ja doch zu rezensieren hat, zugleich ein ungetrübtes Vergnügen bereiten, ist selten und Litwin samt Konzept und Kontext ebenfalls als Verdienst anzurechnen.

Hanns-Werner Heister, Dissonanz Dez. 02
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