Es ist ein seltsamer Widerspruch, dass die russischen Konservatorien zwar Dreschmaschinen in Serie auswerfen, die schon beim ersten Fortezeichen heißlaufen, während einige der bedeutendsten russischen Pianisten alle virtuose Unbändigkeit in ihrem Spiel mit einem eigentümlichen Fanatismus ausgelöscht zu haben scheinen. Der Pletnow von heute ist von wahrlich monumentaler Nüchternheit, ein Sokolow, der früher durchaus donnern konnte, horcht nurmehr das Versponnenste, lyrisch Überzärteltste aus.

Die seltsamste Metamorphose aber durchlebte Igor Schukow, einer der letzten Schüler von Neuhaus. Erinnert man sich, wie er früher Instrumente in Grund und Boden nagelte mit geradezu bizarren Oktavkaskaden (die frühe Version der Tschaikowsky-Konzerte!) und dabei einen fast hysterischen Sog entwickelte, dem man sich kaum entziehen konnte, wird man seiner Wandlung selbstzerstörerische Züge kaum absprechen wollen.

Der Kopfsatz von Brahms' f-Moll-Sonate klingt wie von Wilhelm Kempff an einem ganz schwachen Abend, ein wenig staubig und pedantisch. Doch es lohnt sich unbedingt, weiterzuhören nach diesem trockenen Beginn. Mit einer ganz ungewöhnlichen Rettungstat macht Schukow diese Kopfsatz-Zagheit wieder wett. Der Trümmerhaufen des Finales, ein noch ganz unausgegorener Wurf des jungen Brahms, scheint Schukow gereizt zu haben, romantisch auseinanderfallendes Wesen zu disziplinieren. Selten war der polyfone Charakter des ersten Seitengedankens klarer gefasst, selten strömte das triefende "vaterländische" Thema schlichter und pomploser.

Doch das Mirakel dieser CD ist der langsame Satz, den Schukow in einer spröden, transparenten Klangsphäre ansiedelt, als wolle er ihn aus dem Jugendwerk heben, weil er in Wahrheit etwas Altes, Reifes enthalte. In dieser wunderlich spirituellen Sphäre erlaubt er sich dann bemerkenswerte Umdeutungen. Fast jeder Interpret betont den wiegenden zweiten Gedanken auftaktig, Schukow widerruft das mit sanftem Nachdruck und kehrt den Bewegungszug um; ein mystisches Weben im breitesten, fast stillstehenden Tempo entspinnt sich. Ein Brahms vergrübelter Fremdheit, von diesem nachdenklichen Ernst, wie ihn vielleicht nur ein Künstler mit so interessanter Biographie wie Schukow zu finden vermag.

RONDO 13.06.2002
Wenn es eine Schublade gäbe für paradoxe Phänomene wie etwa 'Bekannteste Geheimtipps des Musiklebens': Dem Pianisten Igor Shukow wäre ganz bestimmt ein Plätzchen darin sicher.

Zwar ist der 1936 in Gorki geborene Shukow bereits seit den achtziger Jahren auch in der westlichen Musik-Hemisphäre durchaus ein Begriff. Doch durchschlagende Popularität ließ sich dem Neuhaus- und Gilels-Schüler kaum je nachsagen. Das wäre auch merkwürdig, denn Shukow ist ein musikalischer Außenseiter, dem auch jenseits von musikalischen Fragen wenig an der Glamour- und Glitterwelt des Musikbusiness zu liegen scheint. Verglichen mit klavierspielenden Wonneproppen wie etwa Arcadi Volodos, der stolz wie ein kleiner Junge seine Kunststücke aufführt und glücklich in die Kameras strahlt, so bleibt Shukow fast abgeschottet von musikalischen Konfetti-Paraden: Er tritt nicht allzu häufig in Erscheinung, und wenn, dann haben diese Konzerte eher etwas von Zusammenkünften Eingeweihter an sich. Dass er auch seine Programme nicht gerade nach Gefälligkeitsgrad auswählt, versteht sich dabei fast von selbst.

Diese Galaxie des Abseitigen, ja vielleicht Elitären, musste Shukow allerdings vor zwei Jahren mal für einen Moment verlassen, denn da wurde er für seine Shukow Edition Volume I (Skrjabin: sämtliche Sonaten und die Fantasie op. 28) mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik bedacht - eine Auszeichnung, die im ersten Moment vielleicht überrascht. Denn ähnlich wie das eine Zeit lang bei Ivo Pogorelich der Fall war (auch wenn beide unterschiedliche Spielertypen sind), bietet Shukow viele Momente, über die sich hervorragend streiten lässt. Über viele Dinge, die Shukow tut, kann man sich wunderbar echauffieren, man kann sie falsch, schlimm oder richtiggehend - Pardon! - bescheuert finden. Aber hinterher ist man immer einen Schritt weiter. Und auf der anderen Seite wird man durchaus auch entschädigt für so manches Shukow‘sche Schockerlebnis: Er ist ein Tüftler, der an Details so lange herumwerkelt, bis sie in neuem, oft wunderschönen Licht erscheinen. Aber er zwingt den Hörer, die eigenen - bisher auch einigermaßen bewährten - Kriterien zur Beurteilung von Klavierspiel in Frage zu stellen und zu überprüfen. Das kann anstrengend werden, denn man wird zwangsläufig innerlich anfangen, seinen Standpunkt nicht nur neu zu bestimmen, sondern auch zu verteidigen - oder aber sich von Shukow überzeugen zu lassen.

Wie nicht anders zu erwarten, hat sich Shukow für sein Volume II der Shukow Edition zwei eher spröde Grazien ausgesucht. Wenn schon ein großes Werk von Brahms, so spielt das pianistische Kollegium meist lieber die deutlich publikumswirksameren Händel- oder Paganini-Variationen (und um César Francks 'Prélude, Choral et Fugue' ist ohnehin kein Pianist zu beneiden).

Wenn man sagt, dass sich Shukow mit Brahms‘ Frühwerk zur Autopsie auf einer Art pianistischem OP-Tisch zu schaffen macht, dann klingt das eher nach steriler Analyse als nach lebendiger Interpretation. Shukows Herangehensweise hat tatsächlich etwas von 'Zerlegen' an sich, man spürt ein geradezu naturwissenschaftliches Interesse an der Anatomie, den Innereien der Sonate. Das wirkt manchmal fast ein bisschen indiskret, ja grenzüberschreitend. Doch bevor es zu unromantisch wird sei gesagt, dass er das Ganze verknüpft mit einem oft sehr deklamatorischem Duktus, an dem jeder Rhetoriker seine helle Freude hätte. Shukow 'spricht' pianistisch, es scheint beinahe so, als ob er durch das Medium des Klaviers die Ergebnisse seiner Untersuchungen ganz begeistert 'referieren' wolle - und stets hat man den Eindruck, als sei er als erster Mensch überhaupt dem wahren Geheimnis der Sonate auf der Spur. Dabei geht er stellenweise übrigens ausgesprochen liebevoll und unternehmunslustig mit dem manchmal etwas störrischen Material um. Zwar gibt es Pianisten, die das Stück letztlich nuancenreicher spielen, die Tremoli und Akkordpassagen eleganter hinbekommen und auch in klanglicher Hinsicht mehr zu sagen haben. Doch was den Forschergeist betrifft, ist Shukow kaum zu toppen. Das klingt nach einer reichlich verschwurbelten Spielweise, und manchmal geht Shukow auch an die Grenze des Manierierten. Doch wirklich überschreiten tut er diese Grenze nie.

Etwas anders sieht es bei César Franck aus. Statt sich wie bei Brahms vor allem auf Details zu konzentrieren baut Shukow (dem schon oft nachgesagt wurde, kein Gespür für große Bögen zu haben) eine großartige musikalische Kathedrale mit vielen Steigerungen und einer Fuge, die nicht nur Größe in sich birgt, sondern auch vermittelt. Dass Shukow das Stück mit seiner merkwürdig religiös angehauchten musikalischen Ekstase und dem Hang zum Mystizismus in die Nähe Skrjabins rückt (anders als etwa Kissin, der das Stück eher in der Nähe Liszts ansiedelt) wundert dabei nicht: Ein Rausch von Klängen und Steigerungen wird da ausgebreitet (allerdings versteht man einige von Shukows Tüfteleien zugegebenermaßen erst nach mehrmaligem Hören). Was man einwenden könnte wäre die Tatsache, dass Franck trotz allen musikalischen Überschwanges letztlich ein tiefreligiöser Mann der Kirche war, jemand, der mit dem Begriff 'Choral' vermutlich nicht ausschließlich Klangrausch und Expressivität verbunden hat, sondern auch einen streng religiösen Kontext.

Ein zweiter Aspekt betrifft den Organisten Franck. Denn auch wenn er hier ausnahmsweise dezidiert für Klavier komponiert hat, so war Francks musikalisches Denken ohne Zweifel von 'seinem' Instrument, der Orgel, geprägt (beispielsweise hinsichtlich des Registerdenkens). Doch dies ist nicht die Spur, die Shukow aufnimmt: Der Kirchenmann und Organist Franck bleibt (wie bei Kissin auch) vollständig außen vor, stattdessen steigert sich Shukow in eine manchmal geradezu überbordende Wildheit, Ekstase und auch Härte hinein (ob Wildheit und Kirchenverbundenheit sich allerdings grundsätzlich ausschließen, wäre eine Frage, die man an anderer Stelle klären müsste). Wie schon bei Brahms geht Shukow auch hier an eine Grenze: Die inhärente Widersprüchlichkeit und Zerrissenheit des Stückes wird von Shukow noch multipliziert, und zwar nicht nur an einigen wenigen Stellen, sondern fast während der gesamten Dauer des Stückes - nur gut, dass Shukow das Ganze in einem durchdachten Überbau letztlich doch noch zusammenhält und auffängt.

Auch wenn nicht jede von Shukows Entscheidungen auf Anhieb nachvollziehbar ist und die Freiheiten, die er sich in einigen Passagen nimmt, für manchen vermutlich eine musikalische Provokation ersten Ranges darstellen werden, so lohnt es auf jeden Fall, die Ohren einmal mehr für einen musikalische Querdenker zu öffnen. Ob man sich für das Ergebnis ohne jede Einschränkung begeistert ist eine andere Frage. Doch anhand von Aufnahmen wie der der Brahms-Sonate wird einem wieder einmal bewusst, dass unendlich viele Interpretations-Möglichkeiten bisher tatsächlich noch gar nicht entdeckt und realisiert wurden.

Bewertung
Interpretation
Klangqualität
Repertoirewert

Annette Lamberty, klassik.com 30.05.2002
Uneinheitlich

Es ist gut, dass Igor Shukow bei Telos eine neue diskographische Heimat gefunden hat. Seine Aufnahme der Scriabin-Sonaten waren bereits ein Zeichen der Abwendung von seiner früheren faszinierend perfekten, stählernen "Handkanten"-Pianistik. Auf der vorliegenden CD setzt er seinen neuen Weg zwar fort, lässt aber im Unterschied zu den Scriabin-Sonaten konzeptionelle Geschlossenheit vermissen. Stattdessen überrascht Shukow in den beiden hier gebotenen Werken mit einer Fülle interessanter wie auch mit zahlreichen abwegigen Gestaltungsideen, die von schier absurden Dynamik-und Temposprüngen bis hin zu seltsam manierierten Akzentuierungen (z. B. Track 7 (4'04") reichen.

Das zweifellos Interessante ist bei alledem, dass wir es hier mit einem doch recht nachdenklichen Musiker zu tun haben. Man merkt, dass offenkundig nichts aus Leichtfertigkeit oder Gedankenlosigkeit heraus erfolgt; und der durchaus Achtung gebietende Verdacht steigt auf, dass dieser große Pianist seine Vorlagen hier buchstäblich vor lauter Skrupeln und in dem schürfenden Bemühen um Ausdrucksvertiefung "zerdacht" hat. Das mag zwar subjektiv für Shukow funktionieren, nur leider überträgt sich die Plausibilität des Ganzen nicht, wohl aber die so mancher Details.

Es erscheint mir beckmesserisch, hier eine Desiderata-Liste aufzustellen; denn dafür gibt es andererseits zu viel Überzeugendes - etwa das Andante und das Scherzo aus Brahmsens op. 5, in denen er einzigartig Introvertives und Rhapsodisches auslotet. Gut erfasst er auch große Teile von Francks Mystik. Fazit: keine ideale, makellose CD, doch eine, deren Kanten einem zu denken geben können - so oder so.

Bewertung
Interpretation
Klangqualität

Knut Franke, Fono Forum 4/02
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