Die erste Folge einer "langfristig angelegten Igor Shukow-Edition", die seitens telos music records einen "repräsentativen, vom Künstler autorisierten Querschnitt seiner Aktivitäten im Konzertsaal und Tonstudio vorlegen" wird, enthält Brisantes, Nachdenkliches und Nachdenkenswertes in vielerlei Hinsicht. Daß dieses wohl auf Rückschau und auf Bestandsaufnahme einer großzügig gefaßten Gegenwärtigkeit angelegte Projekt mit einer Gesamtaufnahme der Klaviersonaten Scriabins beginnt, mag nur jene Hörer überraschen, denen Shukows leidenschaftliche Eigenwilligkeit, seine geradezu eremitische Beharrlichkeit, aber auch seine flammende Streitbarkeit nicht unmittelbar in Bann gezogen hat (und schon gar nicht ernste Sorgen bereitet hat). Jene aber, die Shukows Weg seit seinem Erfolg beim Marguerite Long-Wettbewerb 1957, seit seinen ersten Konzerten in Würzburg, Köln oder auch beim "Steirischen Herbst" in Graz verfolgt haben und natürlich auch seine ersten Plattenaufnahmen mit Respekt, ja mit Bewunderung zu ihren Schätzen legten – sie dürften eine neuerliche diskographische Auseinandersetzung mit dem zentralen Klaviervermächtnis Scriabins als logische Folge einer lebenslangen Erhitzung notieren. Einer Erhitzung von geradezu testamentarischer Konsequenz und musikphilosophischer "Ergründlichkeit", die im doppelten Sinne des Wortes ihrer Zeit bedurfte. Zum einen, weil zwischen der seinerzeit fulminant gelobten, für viele Scriabin-Verehrer wegweisenden Melodyia/Eurodisc-Publikation und der in Mechernich-Floisdorf von Joachim Krist produzierten CD-Version etliche Jahre liegen. Zum anderen, weil Shukow nicht nur der jugendlich-forschen Sonate op. 6 in allen Vorwärtsbewegungen erheblich mehr Erlebenszeit beimißt, sondern auch im Verlauf der folgenden Sonatenkonzeptionen das Flüchtige mit dem Dauerhaften verschwistert – kurzum: der musikalischen Dichte, der Ereignishaftigkeit des Detaillierten im Sinne einer notgedrungen begrenzten Ewigkeit die Aura des Ganzheitlichen, ja des Kosmischen verleiht. In einem bisweilen fast schon rührend emphatischen Essay schildert Shukow seine Beweggründe, öffnet Türen des Verständnisses für eine mit allen Fasern durchlebte Aneignung des Unabwendbaren, des Fremden und im nächsten Moment auch schon Vertrauten. Shukow ordnet seine Beziehung zu Scriabin, ohne diese Bande in einem Akt des bürokratischen Rückblicks zu katalogisieren. Es ist – wenn man seinen geschriebenen Worten lauscht und sein statisch-schwebendes, fliegend-lastendes Spiel zu lesen bereit ist –, als sei diese errungene, auf langen Wegen der Auseinandersetzung gleichsam mit Kopf, Herz und Händen erwanderte Sicherheit die weite Plattform für eine dritte, sich womöglich nur in einer sich selbst verzehrenden Fantasie verwirklichenden Gesamtaufnahme.

So unwiderstehlich Shukows gestalterische Maßgaben aus den Jahren 1999/2000 in ihrer ganzen gleißenden, fahlen, im vordergründigen Pulsieren bis zum heiligen Stillstand gedrosselte Deutungen auch sein mögen, sie befreien von ästhetischen Fesseln, geben den Blick auf Scriabins spirituelle Landschaften und Träume frei. So erlangen die unermeßlichen Kräfte dieser Musik die Qualität von "Schwarzen Löchern": sie verschlingen Materie und bedeuten doch den Beginn von Zukunft.

Unerheblich dünkt es mir, Shukows in die Breite und in die Tiefe lotendes Spiel in all seiner gesprächigen Schweigsamkeit, in all seiner stillen Beredtsamkeit auf die in manchen Sonaten (Nr. 1, 2 – Finale –, Nr. 4 und 5) dem Klischee nach unverzichtbare mechanische Supergewandtheit hin zu untersuchen (so wie mir das zuletzt im Rahmen von Shukows problematischer Denon-Einspielung der Chopin-Sonaten Nr. 2 und 3 unumgänglich schien). So atemberaubend es ist, einem verwegenen Svjatoslav Richter in der himmelwärts strebenden Schlußformel der "Fünften" oder Andrei Gavrilow bei den akkordischen Tumulten im Finale der "Vierten" Gefolgschaft zu leisten, so fiebernd erfährt man auch Shukows gewissermaßen von Wissen und Macht angereicherte Panorama-Erkundungen. Eine reiche Musik braucht ihre Zeit – das lehrte Sergiu Celibidache seine Orchester, wenn er Bruckner probte. Und vieles von Celibidaches milder Unerbittlichkeit bei der Entfaltung des Wesentlichen ist auch Shukow eigen. So mag man die wirklich extrem im Tempo zurückgenommene Aufnahme der Sonate op. 6 als einen vom ersten Ton an unumkehrbaren Prozeß in Richtung des abschließenden "Funèbre"-Satzes bewerten. Keinesfalls als Überhöhung von Müdigkeit und fingertechnischer Larmoyanz.

Bewertungsskala: 1-10

Künstlerische Qualität: 10
Klangqualität: 10
Gesamteindruck: 10

Peter Cossé
Klassik-heute 01.12.2000

Shukow, Igor
Alle Sonaten für Klavier


Den nicht mehr ganz Jungen ist der 1936 in Gorki geborene, bei Heinrich Neuhaus und Emil Gilels ausgebildete Igor Shukow seit Jahrzehnten als ein sich selbst bis an die Grenzen des Möglichen fordernder Pianist vor Augen. Seine Interpretationen – auf CD wie im Konzertsaal – fesselten durch das Miterlebenkönnen dieses bedingungs- und gnadenlosen Einsatzes. Diese Züge bestimmten schon vor Jahrzehnten seine erste Gesamtaufnahme von Scriabins Klaviersonaten maßgeblich mit. Shukows Neueinspielung und der Begleittext dieser CD zeugen nun erneut von einer äußerst intensiven Beschäftigung mit Skrjabin, seiner Weltanschauung, seinen Visionen. Shukow verfügt noch immer über jedes erforderliche handwerkliche Potenzial, um seine Inbilder, seine "mentalen Modelle", uneingeschränkt "herüberzubringen"; Tempi sind fast generell langsamer als früher. Die Fähigkeit, musikalische Zustände aufzubauen und dem Hörer im Bewusstsein zu halten, rangiert klar vor Aktionismus, der allzu oft Gefahr läuft, Musik "einspurig", wie durch eine Schießscharte gesehen, vorbeilaufen zu lassen. Shukow trägt damit generell dem Komplexizitätsgrad von Musik Rechnung, hier eben am Beispiel von Skrjabins Sonaten. Die "gemächlicheren" Tempi werden ersetzt oder scheinen vielmehr erforderlich, um einen noch höheren Intensitätsgrad als früher zu erreichen. "Lebensarbeit" eines Pianisten, eines Musikers wird hier hörbar. Für uns Hörer kann die Einspielung genau so "Lebensarbeit" bedeuten. Jeder von uns wird sich lange mit Skrjabins Sonaten und Shukows Sicht auseinanderzusetzen haben.

Musik: 10
Klang: 10

Stereoplay 10 / 00
1973 erschien mit Igor Shukow auf drei Melodiya-Eurodisc-LPs dasselbe Programm (nebst einigen Skrjabin-Rollen) als UdSSR-Übernahme, allenthalben begrüßt als Meilenstein der Aufnahme-Rezeptionsgeschichte, die über Vladimir Sofronitzky, John Ogdon u. a. zu Marc-Andre Hamelin (1995) reicht. Was Shukow hier vorlegt, ist (s)ein Pianistenleben lang gereift, belegt auch durch seine Werk-"Betrachtung" im Booklet. Unverständlich, dass die "großen" Labels diesen großen Künstler weitgehend negiert haben. Weit verstreut sind seine CDs: BMG-Melodiya (Tschaikowsky-Werke für Klavier und Orchester), Intercord (Schostakowitsch 1. KK), Münchener Live-Mitschnitte auf einem verdienstvollen Kleinlabel, auf danacord Großartiges aus Husum (Cesar Franck op. 18 in eigener Transkription, Skrjabins op. 11 etc.). Die Box ist erkennbar mit Liebe und Sorgfalt gemacht; telos-Initiator Joachim Krist, selbst Musiker, hat seinem Schützling überaus fruchtbare anderthalb Jahre Zeit gelassen, sich zu entfalten. Ergebnis: klarste Durchhörbarkeit statt Hektik, die Skrjabin eigenen ekstatischen Aufschwünge erwachsen hier aus Ruhe und (scheinbarer) Gelassenheit. Wie schon im Konzert (1997 hatte er Chopins/ Skrjabins jeweils 2./3. Sonate einander klug gegenübergestellt), überzeugt Shukow unaufdringlich: so muss Skrjabin klingen!

Ein Einzelvergleich zu Hamelin ist spannend wie der zu "Shukow I". So rauscht das Presto-Finale aus Nr. 2. bei Hamelin (3'38") spätromantisch-flirrend, aber doch eher etüdenhaft vorbei, Shukow findet in 4'14" Zeit für Linien, Akzente und frappierende Effekte. Noch eklatanter in der 8. Sonate (Shukow 18', vormals 16'05", Hamelin knappe 12'09"!) nach dem einleitenden Lento Shukows "Allegro agitato" im Pianissimo. Der Box-Titel läßt aufhorchen: "Shukow Edition Vol. I": telos will "einen repräsentativen, vom Künstler autorisierten Querschnitt seiner Aktivitäten in Konzertsaal und Tonstudio vorlegen". Hoffentlich bald!

Stefan Romansky, Piano News 4/00
Gezähmt

In den 60ern und -70ern stand Igor Schukow für eine stählerne pianistische Perkussionsästhetik, die etwa bei Brahms (op. 83) oder mehr noch bei Tschaikowsky (op. 44) fast schon wieder eine artistische Dimension für sich wurde. Seine 1973 bei Eurodisc erschienene erste Gesamteinspielung der zehn Scriabin-Sonaten entsprach diesem Bild -wie immer auf höchstem Niveau, aber für mich selbst nur sehr schwer ungetrübt genießbar. Nun liegt hier also nach fast drei Dekaden das gleiche Repertoire vor, neu, auf einem ungleich empfindsameren Instrument aufgezeichnet.

Erstaunlich: Der alte stupende Haudegen erscheint gemildert, introvertierter, ja, teilweise bis zum Erschrecken gezähmt (Sonate Nr. 1, 3. Satz). Die Reduktion des Physischen bekommt freilich nicht überall schlecht - so gewinnt beispielsweise die zweite Sonate mit ihrem fliehenden Schluss-Satz an Wärme und Kontur hinzu. Aber es ergibt sich dann sogleich die Frage nach dem Spannungsverlust durch Energieverminderung, der sich besonders bei der siebten Sonate und ihrem ekstatischen Ansprung bemerkbar macht. Überraschend auch das eigensinnige Pedalisieren der zehnten Sonate, der doch damit viel Luzidität genommen wird.

Es ist in jedem Falle eine sehr lohnende Edition, zumal sie mit einer eher philosophisch-gelassen dargetanen Fantasie op. 28 noch etwas nicht Alltägliches enthält. Wir haben hier zweifellos einen nach innen gegangenen, sensibler gewordenen Schukow vor uns, dem es heute manchmal an Dramatik fehlen mag, dessen Zugewinn an Poesie und Feinsinn in Verbindung mit einem viel weicheren Instrument aber neuen Stoff zum Nachdenken vorlegt.

Bewertung
Interpretation
Klangqualität

Knut Franke, Fono Forum 11/00
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