Anläßlich des hundertsten Geburtstages von Ernst Krenek im Jahr 2000 - vor lauter Bach-Gedenkfeierlichkeiten übersah man ihn fast - stellte der Pianist Marc Reichow ein faszinierendes Programm abseits der sieben Sonaten zusammen. Es verdeutlicht eindrucksvoll, daß Krenek sich unmöglich auf einen Personalstil festlegen läßt, sondern im Laufe seines Lebens gleichsam allen Stilen seines Jahrhunderts mit blitzendem Intellekt antwortete. Die acht ausgewählten Stücke lassen "die Konturen eines immensen Werkes erahnen, das ein unstillbarer Experimentierdrang hervorgebracht hat", wie der Pianist selbst in seinem Beihefttext schreibt, der ebenso profund wirkt wie sein Spiel präzise.
Besonders dankenswert ist die Ersteinspielung des Klavierstückes in 11 Teilen op. 197, das den Interpreten mit radikal neuen Notationsformen und asynchron übereinanderzuschichtenden Zeitschienen konfrontiert. Ein eindrucksvolles Kaleidoskop für mutige Hörer, die sich vor atonalen und polymetrischen Experimenten, Schlägen auf Tastaturdeckel oder Glissandi in den Saiten nicht fürchten.

Bewertungsskala: 1-10

Künstlerische Qualität: 8
Klangqualität: 7
Gesamteindruck: 8


Peter Schlüer
Klassik-heute 01.06.2001

Ernst Krenek war das Pfingstwunder in der Musik des 20. Jahrhunderts - er sprach in allen Zungen, die ab 1920 Laut gaben, expressionistisch bis atonal, neoklassisch bis dodekafon, seriell bis postseriell, sogar aleatorisch und elektronisch (nur nicht "minimal" - mit einundneunzig, nur Monate vor seinem Tod, nannte er die Minimal Music "kindisch"). Diese Klavierstücke von 1920 bis 1967 fügen sich in der Tat zum "Klavierporträt" des Komponisten, auch wenn sie nicht alle Stilrichtungen widerspiegeln, die Krenek sich zu eigen gemacht hatte.

Der junge Pianist Marc Reichow, 1966 in Solingen geboren, ist der ideale Interpret dieser Chamäleon-Musik, die gleichwohl ein solider Kontrapunkt eint: Er komplettierte seine Klavierstudien noch durch Kurse bei den Komponisten György Kurtág, John Cage, Pierre Boulez, und das hört man. Reichow, für den die manuelle Fertigkeit keine Frage ist, analysiert diese Musik (übrigens auch verbal sehr luzid im Beiheft), und er dosiert ihre Ausdruckswerte genau richtig - zeigt uns nicht nur das Gerüst (raffiniert, wie sanft er die Ironie der "Echos aus Österreich" von 1958 abtönt!).

So wird die Aufnahme zum faszinierenden Exkurs in die weithin unbekannte ästhetische Welt eines Komponisten, der für viele mehr "ein Name" ist als ein Klang. Apropos Klang: Auch der (vom Westdeutschen Rundfunk) kann sich hören lassen.

RONDO 29.03.2001
Stilsprünge

Seine Gier nach Neuem und Lust auf Abwechslung waren wohl größer als das Verlangen, der musikalischen Welt seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Nur so ist zu erklären, dass Ernst Krenek (1900-1991) binnen eines Jahres zwei Klavierzyklen komponieren konnte, die technisch und ästhetisch mindestens so weit voneinander entfernt sind wie Strawinsky und Stockhausen. Diese beiden Zyklen, "Sechs Vermessene" und "Echos aus Österreich" von 1958, sind zu hören auf einer bunt gemischten Krenek-CD des Pianisten Marc Reichow, der sich in stilistischen Wechselbädern offenkundig pudelwohl fühlt und der im siebten der "Echos" dem Ländler ein lustvolles Schlachtfest bereitet.

Reichow hat aber auch die Arbeit nicht gescheut, die metrischen Rätsel von Kreneks "Klavierstück in elf Teilen" zu knacken. Linke und rechte Hand müssen hier in verschiedenen Tempi nebeneinander spielen. Was dazu führt, dass selbst ausgebuffte Spezialisten das Stück am liebsten gar nicht anrühren. So kommt es, dass Reichow die erste Einspielung dieser vielschichtigen Musik vorlegt - über dreißig Jahre nachdem sie komponiert wurde.

In den leichter zugänglichen Kompositionen wirkt Reichows Spiel etwas flach. In den acht Klavierstücken von 1946 etwa schwankt er unentschlossen zwischen Wiener Charme und Wiener Schule, zwischen Schmäh und Strenge. Und den "Augenblick" aus den "Gesängen des späten Jahres" kann man sich klarer, schärfer und schroffer denken. Aber, wie gesagt, mit Stilfragen ist das bei Ernst Krenek so eine Sache.

Bewertung
Interpretation
Klangqualität

Andreas Fasel, Fono Forum 7/01
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