Wo die Wiener Schule forsch voranstürmte, versuchte die - etwas ältere - Münchner Schule einen Spagat: Gemäßigte Moderne, erhitzt zwar von Wagners Harmonik, aber zugleich kühlen Kopf bewahrend mit Brahms, mit dessen Klassizität. Der einst hochberühmte, heute fast vergessene Ludwig Thuille, ein Schüler des Klassizisten Joseph Rheinberger und Freund von Richard Strauss, rief sie aus, zeitweise zählten sich Strauss, Reger, Pfitzner, Rudi Stephan und Max von Schillings gerne zu deren Protagonisten, Lehrer und Schüler zugleich. Für die Mitwelt eine hohe Attraktion, wischten für die Nachwelt Schönberg, Strawinsky, Bartók sie weg.

Erst die Laserlichtsuche nach Verschollenem fördert sie nun wieder zutage, die "Münchner Schule". Zwei Sonaten, von Thuille und Pfitzner, eine "Groteske" von Rudi Stephan - immer noch eine große Bandbreite, ein kaum leicht unter einen Deckel einzutopfendes Programm. Von fast neoklassischem Maß das Werk Thuilles: Es macht nicht viel her, es sei denn, man hört mit der Lupe. Thuille zeigt sich als Kleinmeister im Wortsinne, als Meister subtiler Verflechtungen eigentlich unspektakulären Materials. Dagegen Pfitzner: Im spröden Spätwerk fast ein Aufschrei. Pfitzner baut sozusagen die Brücke zum Expressionismus von Rudi Stephans "Groteske", zur Caligari-Welt der schroffen Kontraste, schrägen Flächen und bizarren Farben.

Christoph Schickedanz' dunkel timbrierter Geigenton (fast schon der einer Bratsche) passt dazu ganz exzellent, ebenso die emphatische Spielweise, unterstützt von Bernhard Fograschers quirlig-brillantem Klavier. Emphase, ja, aber keine Kurzatmigkeit! Allerdings ein bisschen direkt aufgenommen, das Ganze. Dennoch: Eine wirkliche Bereicherung des Repertoires.

RONDO 22.03.2001
Große Geste

Die Münchner Schule war um die Jahrhundertwende in ganz Deutschland nicht nur pädagogisch richtungsweisend, sondern genoss auch beim Konzert- und Opernpublikum hohes Ansehen. Einerseits nahm sie die harmonischen und instrumentatorischen Neuerungen Richard Wagners an, andererseits wahrte sie die Balance mit der Tradition. Richard Strauss war ihr bereits zu revolutionär, obwohl er ihr prominentester Vertreter ist.
Christoph Schickedanz und Bernhard Fograscher zeigen in ihrer Einspielung, was für erstaunlich gute Musik die heute fast völlig vergessenen Komponisten der Münchner Schule geschrieben haben. Ludwig Thuilles Violinsonate interpretieren sie als einen großen Gesang ohne Worte, aus dem sich zwar schumannsche Wendungen, wagnersche Deklamationsrhythmik und Harmonik heraushören lassen, der aber doch in seiner glühenden Expressivität und geradezu orchestralen Farbenvielfalt eigenständig ist. Hans Pfitzners Violinsonate präsentieren die beiden Interpreten als ein tiefsinniges und vielschichtiges Werk, mit großer Geste und intimer Verhaltenheit. Am modernsten klingt Rudi Stephans "Groteske" mit ihren bizarren Klangflächen.

Fograscher versteht es, aus dem Klavier große Spannungsbögen, aber auch kleinteilige Rhythmen und Klangflächen hervorzuzaubern. Er verschafft so der Geige Raum zur Entfaltung. Schickedanz verbindet seinen großen, oft pastosen Violinton mit durchdachter Artikulation. Eine Aufnahme, die Maßstäbe setzt.

Bewertung
Interpretation
Klangqualität

Franzpeter Messmer, Fono Forum 6/01
Zurück »
^ Top © 2004 telos music records