Jürg Baur (geb. 1918), eine der einflussreichen und verdienten Persönlichkeiten des Musiklebens des Düsseldorfer und Kölner Raums der Nachkriegszeit, blickt auf ein umfangreiches und gattungsmäßig sehr breitgefächertes OEuvre zurück, in dem die Klaviermusik eigentlich am Rande steht. Und dennoch macht es außer lokalen und ehrenden Gründen Sinn, sie einmal auf einer CD komplett zu dokumentieren, weil sich in ihr wesentliche Entwicklungszüge der Nachkriegsgeschichte zeigen und in der zugleich auch ein persönlicher Kompositionsstil zum Ausdruck kommt. Baur, ein Schüler Philipp Jarnachs in Köln, schrieb bis zum Beginn der 1950er Jahre in einer erweiterten tonalen Sprache, die an Hindemith erinnert; dabei finden sich echt anachronistische Stücke wie die Drei Stücke im alten Stil (1941/43), andere sind im weitesten Sinne mit programmatischen Momenten verknüpft (wie die Aphorismen von 1942/46, die Ostpreußen-Suite von 1939 und die Burleske von 1943/44). In den fünfziger Jahren dann setzte sich Baur mit der Schönberg'schen Reihentechnik auseinander, wofür hier die Klaviermusik 56 (1951-60) und Heptameron (1964/65) einstehen. Und wieder sind es außermusikalische Momente, im letzteren Falle pantomimische Vorstellungen, die kompositionstechnische Momente überformen. Die Annäherung an die Dodekaphonie erscheint dadurch weder bemüht noch schulmeisterlich, sondern getragen von einem auf größtmögliche Klarheit und Durchsichtigkeit zielenden Komponieren. "Biss" haben solche Werke natürlich heute kaum noch - wenn sie aber so virtuos und kongenial gespielt werden wie von dem jungen Pianisten Oliver Drechsel, dann sind sie hörenswerte Beispiele für die Vielfalt kompositorischer Ansätze in den 1950er und 60er Jahren, die beim bloßen Starren auf große Namen allzu leicht vergessen wird.

Andreas Ballstaedt, Neue Zeitschrift für Musik 2/99
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