Der angemessene Umgang mit einer Schallplatte improvisierter Musik sei der, den Tonträger nach einmaligem Anhören zu zerbrechen - so Vinko Globokars wohlbekanntes Diktum zum prekären Verhältnis von Improvisation und Dokumentation. Dieser Ausspruch liegt freilich lange zurück, und mit den Jahren haben improvisierende Musiker, anfänglich meist misstrauisch gegenüber der Verdinglichung der Schallplatte, ein entspannteres Verhältnis zum Medium gefunden, haben erfahren, dass es nicht nur unzureichendes Surrogat des Jetzt-Erlebnisses bleiben muss, sondern zur Plattform für Musik mit ihren eigenen, spezifischen Chancen werden kann - siehe Globokars FMP-Platte 5 mit ihrem Versuch der (medial ermöglichten) kollektiven Improvisation mit sich selbst.

Die Aufzeichnungs-Problematik ist es dann auch nicht, die diese CD für mich zu einer zwiespältigen Angelegenheit macht. Eher die Frage des Ausdrucks von improvisierter Musik. Nu, so der Titel, den Globokar und die Stimmkünstlerin Isabeella Beumer ihren sechs Studio-Improvisationen gegeben haben, steht französisch für "Akt", oder, wie es im Booklet heißt: "ein vollkommenes freilegen, klang aus atem, nackt bis unter die haut". Eben solcher Entäußerungs-Drang schwingt für mich in der Stimm-Arbeit Isabeella Beumers mit: der Wunsch, "ausdrucksvoll" sein zu wollen. Ein scheinbar selbstverständliches Anliegen des Improvisators und doch ein kontraproduktives: Wo Ausdruck sich nicht, quasi beiläufig, von selbst herstellt, wo Ausdrucks-Wille im Spiel ist, wird die Sache heikel. Da ist dann - für meine Ohren - (zu) viel Theatralik im Spiel, forcierte Gestik, kurz: Manierismus. Das sind, zugegebenermaßen, Nuancen und Zwischen-Töne, die sich der objektivierenden Verbalisierung weitgehend entziehen. Und so bin ich mir auch sicher, dass andere Hörer meine Bedenken nicht teilen werden, dass sie fasziniert sein werden von dem Dialog des Sprach-Rohrs Posaune und der Stimme, vom Timbre- und Ausdrucksspektrum der beiden Atem-Künstler, von den musikalischen Mikrodramen, die Beumer und Globokar inszenieren, Dramolette, die in ihrer Drastik und ihrer surrealen Qualität an die Ausdruckswelt von Ligetis Aventures erinnern mögen. Ein anderes Globokar-Diktum kommt mir dabei in den Sinn: Freie Improvisation sei letztlich, meinte der Posaunist einmal, etwas sehr Privates, etwas, was eigentlich nur die Musiker selbst etwas angehe. Isabeella Beumer und Vinko Globokar werden schon wissen, welche Bedeutung diese 62 Studio-Minuten für sie hatten und haben.

Peter Niklas Wilson, Neue Zeitschrift für Musik 3/99
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