Die Metamorphose der geschlossenen, seriellen Form hin zur offenen, wandlungsfähigen trägt das Recital der Expertin für zeitgenössische Musik, Pi-hsien Chen. Dass die gebürtige Taiwanesin dabei gleich drei kolossale Meilensteine aus den 40er und 50er Jahren schultert, zeugt von konditioneller Unbekümmertheit. Denn allein die riesige, einsätzige Sonate von Jean Barraque ist ein kompositorisches Labyrinth, das Chen ebenso hellwach und konturenreich durchmißt wie die beiden Opera von Pierre Boulez, die 3. Klaviersonate sowie die Douze Notations. Also jene gestenreichen, die ständige Neuentwicklung des Werkcharakters auch mit Mitteln des Zufalls auslotenden Mikro-und Makro-Gebilde. Wenn es denn ein bewußtseinförderndes, aber auch sinnliches Plädoyer für die Komplexität der Moderne gibt, so ist Chen hier eines nachhaltig geglückt.

Guido Fischer, Piano News 1/01
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