Orpheus 7 + 8, Juli + August 2004

Iván Paley
Ein Argentinier auf den Spuren der deutschen Romantik

Den Bariton traf Bernd Hoppe in Dresden

Mit drei Jahren hörte er im Teatro Colön in Buenos Aires seinen ersten "Tristan" und soll nach Aussage seiner Mutter am Ende bitterlich geweint haben. Iván hatte bereits im frühesten Kindesalter eine starke Affinität zur klassischen Musik - nicht verwunderlich, denn seine Mutter war eine ausgebildete Opernsängerin, die ihrem Sohn schon sehr bald Klavierunterricht erteilte und den Dreijährigen ins Conservatorio Nacional schickte, wo es eine Abteilung für die Jüngsten gab und er seine Ausbildung fortsetzen konnte. "Für mich gab es immer nur die Musik. Nie kam als Berufsziel etwas anderes in Frage, weder Arzt noch Rechtsanwalt oder Architekt. Ich habe nur Klavier gespielt und geübt, stundenlang, zuerst Sonatinen und andere einfache Stücke, später dann anspruchsvollere Kompositionen, und mit 12 Jahren waren meine Fortschritte so groß, daß ich sogar komponieren und einige Wettbewerbe gewinnen konnte. Der Typ des genialen Virtuosen war ich freilich nie; dieses Repertoire hat mich auch weniger interessiert - ich spielte Mozart, Beethoven und vor allem die Romantiker Schubert und Schumann, zu denen ich mich schon früh hingezogen fühlte."

Nach Abschluß der Ausbildung in Buenos Aires ging Iván Paley als 12jähriger in die USA und setzte dort seine Studien in den Fächern Klavier, Komposition und Dirigieren fort. Er gab erste Konzerte als Pianist und mit Kammermusik-Ensembles - in den USA und in seiner argentinischen Heimat, wenn er zu Besuch bei den Eltern war. Dort geschah es während eines dreimonatigen Urlaubs, daß er sich für den Kinderchor des Teatro Colön einschreiben ließ und privaten Gesangsunterricht nahm. Das war keineswegs eine spontane Laune oder fixe Idee, sondern Ausdruck seiner früh erwachten Liebe zur Oper. Während einer Probe hörte ihn der Operndirektor des Hauses und bot ihm daraufhin den Hirten im "Tannhäuser" - sein Debüt auf der Opernbühne 1991 -, den Pastore in der "Tosca" und das Kind im "Wozzeck" an. "Ich hatte lange einen klaren Knabensopran, der sich dann zum lyrischen Bariton veränderte. Ich ging wieder zu meinem Gesangslehrer, sang Arie antiche, leichte Opernarien und auch Lieder. In der Oper reizen mich die Bariton- sogar mehr als die Tenor-Partien; wenn ich eines Tages den Orest in Glucks 'Iphigenie en Tauride' und Monteverdis Ulisse singen könnte, wären zwei meiner Träume schon erfüllt. In zwanzig Jahren würde ich gern den Giovanni machen, diese hochkomplexe Figur und Partie. Bevor ich nicht mehr singen kann, möchte ich einmal Amfortas sein, das ist mein größter Wunsch. Und gibt es etwas Schöneres, als den Wolfram zu singen?"

Eigentlich war Iván Paley das Stimmfach gar nicht so wichtig - er wollte vor allem Lieder singen. Für einen südamerikanischen Sänger ist die Begeisterung für diese subtile Kunstgattung höchst erstaunlich - doch die kultiviert geführte Stimme mit ihrer wunderbar sonoren Resonanz, dem reizvollen und sehr individuellen Timbre sowie der leichten Flexibilität prädestiniert ihn geradezu für den Liedgesang. Noch verblüffender sind seine absolut perfekte Diktion und der Sinn für die Nuancen der deutschen Sprache." Alles entsteht bei mir aus der Sicht auf das Gesamtkunstwerk. So wie Wagners Werk ein Gesamtkomplex ist, so ist es für mich auch das deutsche Lied als Genre. Die Kombination von Wort und Ton, die Verbindung von Dichter und Komponist - das ist etwas ganz Besonderes. Ein Lied singen, ist wie eine Uhr bauen mit ihrem feinen Mechanismus, Oper dagegen wie ein Haus mit seinen vielen Räumen.

Beim Studium der Lieder ist mir der Weg das Wichtigste, nicht das Ziel. Ich lese Sekundärliteratur wie Briefe und Biographien, beschäftige mich zunächst nur mit den Gedichten, versuche, Zusammenhänge zwischen der Stimmung des Dichters und dem Anlaß der Entstehung eines Werkes zu ergründen. Solche Zwischenlinien finde ich faszinierend. Später kommt zur Dichtung noch der Komponist und gibt mit der Musik seine eigene Meinung hinzu; er kombiniert seine Gedanken und Gefühle mit denen eines anderen Künstlers. So entsteht ein Gesamtkunstwerk aus Worten und Harmonien, und da erscheinen manchmal ganz neue Linien und Verbindungen, die eine Bedeutung haben können oder auch nicht.
Wichtig ist mir auch die Konzeption eines Liederabends - ich bin ein Anti-Recital-Typ und mag es nicht, wenn das Publikum das Gefühl hat, der Sänger will mit einem bunten Programm demonstrieren, was er alles kann. Ein Liederabend muß ein Thema haben, einen roten Faden, und eine Entwicklung im Laufe des Abends zeigen. Man nimmt den Hörer mit auf verschiedene Stationen - diese können Liebe, Abschied und Tod sein. Natürlich muß man auch die Balance finden zwischen dem geistigen Anspruch und dem Unterhaltungswert eines Abends; man singt ja nicht für sich, sondern für das Publikum, das auch wiederkommen und mehr über Lieder erfahren soll. Wichtig ist die Kombination von unbekannten oder schwierigen Titeln, die man bekannt machen möchte, und unterhaltsamen Stücken, die jeder genießen kann.

Wenn ich mich beim Studium schließlich den Noten zuwende, so höre ich natürlich auch CD-Aufnahmen und liebe es, dabei verschiedene Interpretationsvarianten zu vergleichen. Die erste Einspielung, die ich finde und höre, ist fast immer von Dietrich Fischer-Dieskau. Er ist der einzige Sänger, der ein solch riesiges Repertoire gesungen hat, ein Panorama mit Tausenden von Liedern; er ist quasi ein Katalog für sich. Von den Interpreten der heutigen Generation nenne ich vor allem Matthias Goerne für sein musikalisches Empfinden und Thomas Hampson, dessen Interpretation von Mahlers Liedern mir viele Ideen und Impulse gegeben hat."

Das bringt unser Gespräch auf diesen Komponisten, dem Iván Paleys besondere Liebe gilt und der für ihn der Inbegriff der Musik überhaupt darstellt. "Alles ist in seinem Schaffen vereint - Ehrlichkeit und Naivität, verbunden mit großem Intellekt, und der schlichte Volkston, der zum Kunstlied geformt wird, wie man es perfekt am Beispiel der Lieder 'Aus des Knaben Wunderhorn' sehen kann." Von dem kleinen, für seine feinen Kammermusik-Einspielungen in Fachkreisen hochgeschätzten Label telos music bekam der Sänger die einzigartige Gelegenheit, diesen Zyklus gemeinsam mit Diana Damrau in der Original-Klavierfassung mit zwei Stimmen als Beginn der neuen Reihe telos music vocal aufzunehmen. Iván Paley hatte die Sopranistin bei seiner Lehrerin Hanna Ludwig in Salzburg kennengelernt, zu deren Lieblingsschülerinnen die inzwischen international erfolgreiche Sängerin gehörte. Nach einem ersten Auftreten in ihrer Geburtsstadt Günzburg vor drei Jahren, einem Duo-Liederabend, entstand der Wunsch nach weiteren gemeinsamen Aktivitäten. "Ich habe mich mit Diana auf dem Podium auf Anhieb sehr wohl gefühlt, und ich glaube, ihr ging es ähnlich. Wir haben große Lust, miteinander zu musizieren und in den Dialog zu treten. Zwei Stimmen bringen ja auch mehr Farben in einen Liederabend; inzwischen haben wir in Würzburg, Bad Kissingen, Augsburg und Dresden auch eine sehr positive Resonanz auf unsere Konzerte erfahren. Daß wir von telos die Möglichkeit erhalten haben, den Mahler-Zyklus als unser beider CD-Debüt zu produzieren, ist eine wunderbare Chance. Und wir nehmen ihn mit Klavier und in einer thematischen Ordnung auf, die Menschen auf ihrem Weg durch verschiedene Etappen des Lebens beschreibt. Mahler hat ja die Reihenfolge der Lieder nicht festgelegt, sondern frei gestellt; und so ist unsere Version durchaus legitim. Ich kenne viele Einspielungen, aber es gibt keine komplette Fassung aller Lieder mit Klavier; so wird unsere Aufnahme eine Weltpremiere sein. Einen großen Schritt auf dem Weg zur kompletten Aufnahme hat Hampson getan, der in seine Teldec-Einspielung das 'Urlicht' und 'Es sungen drei Engel' eingegliedert hat."

Begleitet werden die beiden Sänger von Stephan Matthias Lademann, der regelmäßig mit ihnen konzertiert und Iván Paley auch bei seinen jüngsten Liederabenden in Nürnberg und Hannover Herrenhausen musikalischer Partner war. Der Bariton schätzt ihn für seine Einfühlsamkeit und Spontaneität, denn "der ideale Liedbegleiter tritt mit dem Sänger in einen Dialog. Das Lied ist ein Duettieren zwischen Stimme und Klavier, keine Opernkorrepetition, wo das Klavier die Musik des Orchesters übernimmt. Das Ideal ist, dahin zu kommen, daß in den Proben alles abgesprochen wurde - und ich bin ein Sänger, der gern und lange probt, um den richtigen Ausdruck zu finden - und nach der intensiven Vor-bereitung auf dem Podium dann trotzdem das Gefühl entsteht, daß man das Stück in dem Moment erfindet und zum Leben bringt. Wichtig sind mir Improvisation und Spontaneität, was nicht heißt, daß man damit die vorangegangene Arbeit zerstört. Wenn sich Sänger und Pianist gut kennen, wird Improvisation sofort aufgenommen und weitergeleitet. Alles muß frisch bleiben; wenn ich eine Phrase anders färbe, weil ich das im Moment so empfinde, muß der Begleiter sofort darauf eingehen und es in das während der Probe entstandene Gesamtkonzept einbinden."

Weitere Projekte mit Iván Paley und Stephan Matthias Lademann sind in Vorbereitung - eine Schumann-CD mit Duetten und dem kompletten "Myrthen"-Zyklus, dann Wolfs "Italienisches Liederbuch", beides wiederum mit Diana Damrau, eine Gesamtaufnahme von Brahms' "Deutschen Volksliedern" für vier Stimmen sowie Mahlers "Lied von der Erde" in der originalen Klavierfassung für Alt oder Bariton und Tenor - auch dies eine Rarität auf dem CD-Markt. Als Tenorpartner von Paley wurde Robert Dean Smith verpflichtet. "Mahler hat das Werk selbst nie gehört; Bruno Walter dirigierte es erstmals in Wien ein Jahr nach des Komponisten Tod. Seine Sinfonien hat Mahler ja immer weiter betreut und Korrekturen vorgenommen. Ich bin mir sicher, daß er die Klavierfassung vom 'Lied von der Erde' nicht als Skizze oder Übung für eine Orchesterversion geschrieben hat. Er hat ja bei seinen anderen Werken immer zuerst orchestriert und danach eine Klavierfassung erstellt. In Wien gab es zu sei-ner Zeit viele Kammermusik-Abende, für die eine kleinere Fassung mit reduzierter Begleitung gebraucht wurde. Für mich ist das 'Lied von der Erde' ein ganz wichtiges, separat stehendes Werk in Mahlers Oeuvre.'

Iván Paley, der trotz seiner internationalen Auftritte sicher erst am Beginn einer großen Sängerlaufbahn steht, wirkt bei all seiner Jugend und Attraktivität ungewöhnlich reif, ernsthaft und konzentriert. Das dürfte Ausdruck und Ergebnis seiner Lebenshaltung sein, die er sehr klar äußert. "Wichtig ist mir das Bewahren meiner inneren Harmonie und Balance. Ich würde diese verlieren, wenn ich immer nur singen und gastieren müßte. Natürlich dreht sich bei mir alles um die Musik; aber damit meine ich nicht den Gesang allein; es geht mir um die Musik in ihrer Gesamtheit. Ich möchte auch Klavier spielen, sinfonische und Kammermusik hören, darüber lesen und über alles informiert sein. Ich brauche Zeit für mich und meine Gedanken, brauche meine strenge Konzentration und vor allem: Ruhe. Das bedeutet für mich Freiheit."

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