MUSIK-FESTIVAL
Am Freitag liest Martina Gedeck in Gut Altenhof: Was Leos Janacek seiner 38 Jahre jüngeren Muse schrieb.

Obwohl sie seit vielen Jahren zu den begehrtesten und meistgelobten deutschen Schauspielerinnen gehört, ist Martina Gedeck jeglicher Diven-Glamour fremd geblieben. Von Promi-Feten hält sie sich fern, Homestorys und private Gerüchte gibts mit ihr nicht. Wenn sie dasitzt, in ihren Jeans und der beigefarbenen Wildlederjacke, die Haare lässig hinterm Kopf zusammengewuschelt, könnte man sie für eine Germanistikstudentin halten. Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn kaum hat sie ihre Sonnenbrille abgelegt - hinter der das allerbraunste Augenpaar des deutschen Films zum Vorschein kommt -, wird eine mächtige Dosis von jener Aura spürbar, mit der sie so unterschiedliche Rollenporträts wie die der verhärmten „Hölleisengretl", der prolligderben Lilo (in „Das Leben ist eine Baustelle") oder der Dichterin Brigitte Reimann zum Ereignis gemacht hat.

Ihre Wandlungsfähigkeit macht sich Martina Gedeck jedoch nicht nur vor der Kamera oder auf der Theaterbühne zu Nutze: Jüngst ist sie mehrfach als Vorleserin aufgetreten, häufig in Kombination mit Musik: „Bei einer Venedig-Ausstellung in Bonn hab ich eine Lesung über die Kurtisanen in der Renaissance gemacht, da war ein kleines Barockorchester dabei; auf Gut Bökel gab es einen Abend mit Rilke-Texten und dem Ensemble Modern, und in Essen hab ich bei einem Tango-Konzert die deutschen Texte der Lieder gelesen."

Ihr SHMF-Debüt am Freitag bestreitet Martina Gedeck mit einem Projekt, in dem Text und Musik besonders eng verzahnt sind: Gemeinsam mit ihrem Kollegen Hanns Zischler liest sie aus Leos Janaceks umfangreichem Briefwechsel mit seiner 38 Jahre jüngeren Muse Kamila Stösslova, der über die schwärmerischen Gefühle des alternden Komponisten ebenso beredt Auskunft gibt wie seine beiden Streichquartette, die zwischen den Textblöcken erklingen (deren zweites bezeichnenderweise „Intime Briefe" heißt).

Die Korrespondenz der beiden, so Gedeck, zeugt von einer großen Intimität: „Er hat sich ihr sehr anvertraut und schreibt ganz ehrlich über sein Innenleben. Es ist ein sehr zärtliches Verhältnis. Und eins, was von Beginn an sehr schnell eine große Offenheit zeigt."

Ob in der Beziehung auch erotische Momente eine Rolle gespielt haben - eine Frage, über die in der Janacek-Biografie unterschiedliche Ansichten herrschen -, geht aus dem Briefwechsel nicht eindeutig hervor: „Wir haben da auch immer gerätselt. So offensichtlich ist es nicht, dass man jetzt sagen würde, die haben ein Verhältnis. Es ist mehr versteckt, aber es ist auf jeden Fall Liebe. Es bleibt bis zuletzt in einer großen Nähe."

Derartige Zwischentöne und psychologische Nuancen glaubhaft darzustellen, bedeutet eine große Herausforderung. Und genau das macht für Martina Gedeck auch den besonderen Reiz einer Lesung aus: „Es gibt ja hier keine äußeren Mittel, keine bunten Farben und keine Bewegungen und nichts, was ablenkt. Das heißt, du hast eigentlich nur die Stimme und die Sprache zur Verfügung, um den Zuschauer zu bannen."

Aus ihrem Mund hört sich das allerdings weniger nach Verzicht, sondern eher wie ein Versprechen an. Denn ihr leicht kehliges, immer eine Spur hörbar vom Leben angerautes Timbre ist ein ideales Instrument für die Darstellung solch zerbrechlicher erotischer Schwingungen. Wer ihre bezaubernde Signorina Serafina (in Helmut Dietls „Rossini") noch im Ohr hat, wird sich erinnern können, dass Martina Gedeck schon mit einem kurzen Flüstern jene unterschwellige Sinnlichkeit anzudeuten vermag, die auch zwischen den Zeilen der Janacek-Briefe verletzlich zart hervorschimmert.

CD-Tipp: Martina Gedeck und Hanns Zischler lesen aus dem Briefwechsel von Leos Janacek und Kamila Stösslova; das Janacek-Quartett spielt seine beiden Streichquartette. Telos music 2 CD TLS 068.


Marcus Stäbler
Hamburger Abendblatt vom 29.07.2004

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