premiere porträt
königlich bayrisch

Diana Damrau kehrt als Königin der Nacht nach München zurück.



Die Dame ist voll böser Gedanken. Die Macht will sie und das mit allen Mitteln. Ihre eigene Tochter stiftet sie an, den gegenwärtigen Regierungschef zu ermorden. Wenn Blicke töten könnten, wäre zumindest das Parkett des Opernhauses in akuter Gefahr. Die junge Dame, der wir gegenübersitzen, ist völlig anders: Sanft, warmherzig, charmant und witzig im Gespräch. Und doch zählt die Darstellung der oben beschriebenen Furie zu ihren ganz großen Erfolgen. Denn Diana Damrau ist die zur Zeit international vielleicht gefragteste Königin der Nacht. In vierzehn verschiedenen Inszenierungen hat sie diese Partie bereits gesungen, darunter bei den Salzburger Festspielen und an Covent Garden. Jetzt ist sie damit wieder am Nationaltheater zu hören, in der Neueinstudierung der August-Everding-Inszenierung ab 31. Oktober.

Es ist ihr „Schatten", den sie hier bedient. „Eine dunkle Seite, die doch ein jeder irgendwo hat. Die Auftritte der Königin sind punktuell und kurz; es muss im Moment wie durch ein Brennglas alles auf dem Punkt sein, stimmlich, darstellerisch. Aber es gibt genug Bandbreite bei den Gefühlen. Die erste Szene mit dem großen Rezitativ, in dem das üble Spiel der Königin mit den naiven Gefühlen Taminos offenkundig wird, muss differenziert gestaltet werden; die zweite Szene ist plakativer. Doch so etwas wie ,Der Hölle Rache' findet man in der Welt der Oper nicht noch einmal. Es ist ein Zustand, schiere dämonische Energie. In dem Moment denkt man auch nicht mehr an technische Dinge; man muss den Mut haben, sich in diese Situation hineinfallen zu lassen." Ingmar Bergmann hatte in seinem Zau-berflöten-Film angedeutet, dass es möglicherweise eine Beziehung zwischen Sarastro und der Königin der Nacht gegeben hat. Diana Damrau kann sich dies für ihre Charakterisierung der Figur allerdings nicht vorstellen. Außerdem sei auch der Priesterfürst nicht über jeden Zweifel erhaben. Seinen Mitarbeitern gegenüber gebe er sich als jovialer Chef. Doch seine Anordnungen setze er mit brutaler Härte durch. Menschen anderer Hautfarbe gegenüber scheine er deutliche Vorurteile zu haben, und Frauen kämen bei ihm für Führungsaufgaben ohnehin nicht in Betracht. Auch ein Grund für das so aggressive Verhalten der Königin? „Vielleicht war sie früher gar nicht so. Sie ist enttäuscht, verletzt und enterbt worden. Zudem hat Sarastro ja ihre Tochter entführt." Die Partie der Königin der Nacht gilt als Angelegenheit für Spezialistinnen; man kann allzu leicht darauf festgelegt werden. Diana Damrau ist dieser Gefahr durch die Bandbreite ihres musikalischen Interesses und ihrer stimmlichen Mög-lichkeiten entgangen. Zum Sängerinnenberuf inspirierte sie ja eine ganz andere, eher sentimental-tragische Figur: jene der Violetta Valery - in der Film-Darstellung durch Teresa Stratas. „Begabung und Begeisterung waren schon seit früher Kindheit da, aber zum Schlüsselerlebnis wurde diese Traviata-Verfilmung von Zeffirelli, das war ja so etwas wie Die roten Schuhe für Tänzer. Als ich diesen Film sah, wusste ich, dass ich meine Stimme entdecken wollte - und ausprobieren, ob ich das kann." Den letzten Anstoß zur vokalen Ausbildung gab ihr Musiklehrer im Gymnasium in ihrer Heimatstadt Günzburg, bei dessen Frau - Carmen Hanganu - sie ihren Stimmunterricht begann. Noch während der Schule bereitete sie sich auf das Gesangsstudium an der Würzburger Musikhochschule vor: „Ich habe die Leistungskurse dementsprechend gewählt und schrieb meine Facharbeit über das Thema ,Der Beitrag der deutschen romantischen Dichtung zur Entwicklung des Kunstliedes'". Dem Lied, diesem „kleinen Kosmos an sich", gehört ihre geheime Liebe auch heute noch. Gerade brachte sie mit ihrem Partner, dem Bariton Iván Paley, ein Album mit Mahlers Liedern aus Des Knaben Wunderhorn heraus, eine kleine Kostbarkeit. Die beiden haben sich in Salzburg bei Hanna Ludwig kennengelernt, Diana Damraus zweiter Lehrerin, mit der sie auch heute noch zusammenarbeitet. Doch zurück zu den Anfängen. Carmen Hanganu hatte sofort erkannt, dass Diana Damraus Stimme sich zum lyrischen Sopran (mit Koloratur) weiterentwickeln würde, und von vorneherein auf eine große Bandbreite im Repertoire hingearbeitet. Der Stratosphärenbereich über dem hohen C wurde übrigens sehr sorgsam aufgebaut, die Königin der Nacht hat die Damrau während ihres Studiums nie gesungen. Ihr Bühnendebüt am Stadttheater Würzburg gab sie nicht in einer Opernpartie, sondern als Eliza in My Fair Lady - was den Vorteil hatte, dass sie sich schauspielerisch vervollkommnen und etwa lernen konnte, wie man in gesprochenen Dialogen bis ans Äußerste geht, ohne die Stimme zu gefährden. In Würzburg sang sie dann erstmals auch die Königin der Nacht. Während ihres zweiten Engagements in Mannheim begann sie, ihr Fach auszuweiten, etwa mit der Leila in den Perlenfischern. Im französischen Fach habe sie sich von Anfang an zu Hause gefühlt, schließlich sei sie ein sehr frankophiler Mensch, und die Partien ihres Fachs in der französischen Opernliteratur entsprächen ihrem Stimmtyp. An der Oper in Frankfurt gab sie im November 2002 konzertant ihr Rollendebüt als Marguerite de Valois in Meyerbeers Les Huguenots, die Kritik sprach von „großer Allüre und gesanglicher Brillanz". Die Ophelie in Thomas' Hamlet möchte sie gerne auf der Bühne singen, auch die Lakmé und, in weiterer, aber nicht allzu großer Ferne, Massenets Manon. Und neben der Olympia, die sie bereits im Repertoire hat, auch Antonia und Giulietta in Hoffmanns Erzählungen, Und wenn Angebote eindeutig über ihr Fach hinausgingen? „Ich habe mich nie zwingen lassen, sondern blieb immer vorsichtig, habe Schritt für Schritt gesetzt." Weil die Stimme sich in Tiefe und Mittellage weiterentwickelt, denkt sie in Zukunft auch an Partien wie Daphne, oder gar an die Eva in den Meistersingern. Doch zunächst steht weiter Mozart im Mittelpunkt, neben der Königin mehr und mehr auch die Konstanze, die sie in diesem Jahr ja auch in Salzburg in der kontroversen Herheim-Inszenierung („abgewandelt und schlüssiger als im Vorjahr, als ich da noch die Blonde sang") gegeben hat.

An der Bayerischen Staatsoper fühlt Diana Damrau sich besonders zu Hause, nicht nur, weil sie selbst Bayerin sei -bayerische Schwäbin, um korrekt zu sein. „Ich bin wirklich dankbar für die Aufgaben, die ich bisher hier erfüllen durfte, im Mozart-Fach neben der Königin die Konstanze, im Strauss-Fach Zerbinetta und Zdenka, dann das Freischütz-Annchen, die Fidelio-Marzelline, dazu die Adele in der Fledermaus. München ist das erste große internationale Haus, das mir so viele Möglichkeiten eingeräumt hat - und zugleich der Ort meines ersten großen Einspringens, 1998 als Zerbinetta. Im Februar 2005 singe ich hier die Gilda; auch in dem Zusammenhang bin ich dankbar dafür, dass ein großes Haus eine deutsche Sängerin mit einer italienischen Hauptpartie betraut. Ich bin schon sehr gespannt auf Doris Dörrie, die ja inszenieren wird." Außer der Gilda kommt in München 2006 die Sophie im Rosenkavalier, 2007 die Susanna. Irgendwann würde sie sich auch gerne an Bergs Lulu versuchen, aber eher übermorgen. Ihre Affinität zu sangbarer zeitgenössischer Musik hat sie freilich als Kleine Frau in Friedrich Cerhas Der Riese vom Steinfeld an der Wiener Staatsoper bewiesen. Und Lorin

Maazel schreibt für sie zwei Rollen in seine neue Oper 1984, die im Mai 2005 an Covent Garden herauskommt. In London begeisterte sie das Publikum nicht nur als Königin der Nacht, sondern auch als Zerbinetta und als Fiakermilli. Als Zerbinetta debütiert sie im kommenden Jahr zudem an der Met, und schon Ende dieses Jahres gibt sie ihr Debüt an der Scala in Mailand in der Titelpartie von Salieris L'Europa riconosciuta. Es war die erste Oper, die je an der Scala gespielt wurde, daher wählte man sie auch zur Wiedereröffnung der umgebauten Hauses. „Eine sehr, sehr schwere Partie, mit vertrackter Tessitur, kniffliger als die Königin der Nacht; sie gilt durch die heute deutlich höhere Orchesterstimmung als fast unsingbar. Aber eine ganz große Aufgabe und Herausforde-rung, auf die ich mich sehr freue." Hätte sie die Konstanze auch in Calixto Bieitos Berliner Inszenierung - die ja gegenüber Herheim womöglich noch umstrittener war - singen mögen? „Ich habe die Produktion nicht gesehen, aber der Regisseur hätte mich von seiner Interpretation der Figur überzeugen müssen. Ich möchte die Charaktere, die ich verkörpere, ja in allen Facetten auskundschaften, und das kann ich nur mit innerer Überzeugung. Denn es geht eben nicht bloß um Gesang, sondern um alle Aspekte einer Figur, physisch wie psychisch! Ich singe nach dem Motto ,Ganz oder gar nicht'".

Gerhard Perche
TAKT 2 / 2004
Bayerische Staatsoper
TZ München vom 14. April 2004

Nationaltheater München
Ostermontag, 12. April 2004
Premiere
W.A. Mozart
Entführung aus dem Serail

Diana Damraus Debüt als Konstanze
Mozart selbst hätte sicher mit der Zunge geschnalzt. Diese Konstanze ist außerordentlich, und der Bassa Selim hat allen Grund, die Dame nicht aus seinem Serail zu lassen.

Diana Damrau, vor fünf Jahren zur „Nachwuchssängerin des Jahres“ von der renommierten Zeitschrift „Opernwelt“ gewählt, hat jetzt ihr brillantes Debüt in der „Entführung“ an der Bayerischen Staatsoper gegeben. Damrau, in Günzburg an der Donau geboren, verbindet agiles Spiel mit einem höchst geschmackvoll geführten, in jeder Lage geschmeidigen Sopran. Bis zum Schluss keinerlei Ermüdungserscheinungen, und wenn Mozart noch zehn weitere dreigestrichene „c“ komponiert hätte, noch mehr hoch virtuose Koloraturketten – wir sind sicher, Diana Damrau hätte auch weiterhin lustvoll und souverän Martern aller technischen und musikalischen Arten traumwandlerisch sicher überstanden.

Ihr glockenhelles, klares Timbre ist nicht zum Dahinschmelzen, nicht die pure Sinnlichkeit – aber faszinierend in seiner Transparenz. Spielerisch meistert sie Spitzentöne in jeder Lautstärke. Ihre enorme Stimmfülle missbraucht sie nie zur Kraftmeierei, bewahrt stets Contenance. „Konstanze“ heißt so viel wie die „Standhafte“. Selten hat der Name so zur Interpretation gepasst.
Münchner Abendzeitung, 29. März 2004:

Beeindruckend im Spiel wie im Gesang
Sopranistin Diana Damrau
als „Zdenka“ im Nationaltheater in
Richard Strauss’ „Arabella“
Premiere am 26. März 2004


Wer die junge Sängerin Diana Damrau jemals als Königin der Nacht („Zauberflöte“), als Konstanze („Entführung aus dem Serail“), Adele („Fledermaus“) oder in ihrer Paraderolle als Zerbinetta („Ariadne auf Naxos“) erlebt hat, ist fasziniert von der schwebend reinen und perfekt geführten Stimme der Sopranistin und der gestochen scharfen Präzision ihrer perlenden Koloraturen. Dafür erhielt sie den AZ-Stern der Münchner Abendzeitung des Jahres 2003. Im Nationaltheater sang sie nun erstmals die Zdenka in Strauss’ Arabella (Dirigent: Philippe Auguin), und rückte diese Rolle durch ihre darstellerischen Aktionen und eine jugendlich frisch klingende Stimme ins Zentrum des Geschehens.

Das war nicht die kokette in Männerkleider gesteckte kleine Schwester der leidenschaftlich liebenden großen Arabella. Diana Damrau machte aus ihrer Zdenka eine zutiefst tragische Figur, deren seelische Not trotz aller quirligen Bühnen-Präsenz immer gegenwärtig blieb. Der halsstarrige Trotzkopf, den sie hinreißend verkörperte, die selbstverzehrend liebende Schwester, die ihre Jugend dem äußeren Schein einer heruntergekommenen Familie aufopfert, das alles spielt sich bei Diana Damrau auf einer unterschwelligen Ebene von Melancholie sehnsuchtsvollem Verlangen ab.

Stimme und Spiel verschmolzen zu faszinierender Dichte. Das Duett mit Janice Watson (Arabella) gehörte zu den Sternstunden dieses wenig spektakulären Opernabends, und die Mutation von der Hosenrolle zur jungen gereiften Frau am Schluss der lyrischen Komödie ging weitaus eindringlicher unter die Haut als das abschließende Treue-Bekenntnis von Arabella und Mandryka (Wolfgang Brendel).
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